Lehrplan: Liechtenstein (Liechtensteiner Lehrplan (LiLe)): Räume, Zeiten, Gesellschaften, Stufe 9 · Schweiz (Lehrplan 21): Räume, Zeiten, Gesellschaften, Stufe 9 · Deutschland (Lehrplan Deutschland): Geschichte, Klasse 9
Was geht uns das heute an? Erinnern, erkennen, schützen
Der Nationalsozialismus ist Geschichte – seine Muster sind es nicht. Du lernst, woran man Antisemitismus und Verschwörungsmythen heute erkennt, warum Holocaustleugnung strafbar ist, wie Erinnerungskultur funktioniert und was eine Demokratie vor dem Weg von 1933 schützt. Mit Glossar, Gesamtquiz über die ganze Reihe und Selbsteinschätzung.
Das lernst du hier
- Ich kann erklären, in welchen Formen Antisemitismus heute auftritt, und mit drei Prüffragen prüfen, ob eine Aussage antisemitisch ist.
- Ich kann begründen, warum Holocaustleugnung und -verharmlosung keine Meinung sind und in Liechtenstein, der Schweiz, Österreich und Deutschland bestraft werden.
- Ich kann erklären, wie Erinnerungskultur funktioniert: Gedenktag am 27. Januar, Gedenkstätten, Stolpersteine, Zeitzeugen, Forschung.
- Ich kann aus dem Weg von 1933 ableiten, was eine Demokratie schützt: Gewaltenteilung, Grundrechte auch in Krisen und für Minderheiten, und Zivilcourage.
- Ich kann die Fachbegriffe und Abkürzungen der ganzen Reihe erklären und im Gesamtquiz anwenden.
- Ich kann mit der Checkliste einschätzen, was ich aus der Reihe kann und wo ich noch nachlesen sollte.
- (Erweitert) Ich kann eine Recherche zu einem Stolperstein oder einem lokalen Erinnerungsort planen.
Liechtensteiner Lehrplan (LiLe): RZG.6.3 (Die Schülerinnen und Schüler können ausgewählte Phänomene der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts analysieren und deren Relevanz für heute erklären.), RZG.8.1 (Die Schülerinnen und Schüler können die Staatsform Liechtensteins erklären und mit anderen Systemen vergleichen.), RZG.8.2 (Die Schülerinnen und Schüler können die Entwicklung, Bedeutung und Bedrohung der Menschenrechte erklären.)
Warum lernen wir das?
Du hast in sieben Modulen einen Weg verfolgt: von der Frage, wie man einen Staat regieren kann («Wer regiert? Staatsformen, Demokratie und Diktatur»), über die Zerstörung der Demokratie in eineinhalb Jahren («Von der Demokratie zur Diktatur: 1933/34»), den Apparat («Wer ist wer? Partei, SA, SS, Gestapo und die Jugendorganisationen»), das Weltbild und seine Werbung («Weltbild und Werbung: Ideologie und Propaganda»), die Jugend («Jugend im NS-Staat – und der Film «Napola»») bis zur Verfolgung und zum Völkermord («Vom Vorurteil zum Gesetz: Antisemitismus und Ausgrenzung bis 1935», «Stufe für Stufe: Von der Entrechtung zum Völkermord 1935–1945»).
Warum das alles? Nicht, weil du schuld wärst – du und deine Generation tragen keine Schuld an dem, was vor 1945 geschah. Sondern weil die Muster geblieben sind: Sündenböcke, Verschwörungsmythen, die Verachtung von Minderheiten, der Wunsch nach einem starken Mann, der alle Probleme löst, die Bereitschaft, wegzuschauen. Wer die Geschichte kennt, erkennt die Muster früher – im Netz, im Klassenchat, in der Politik. Und wer sie erkennt, kann anders handeln als die Mehrheit damals.
Dieses Modul hat drei Teile: Erkennen (Antisemitismus und Verschwörungsmythen heute), Erinnern (wie eine Gesellschaft Geschichte wachhält) und Schützen (was eine Demokratie widerstandsfähig macht). Danach folgen eine Zuordnungsübung und das Glossar, das Gesamtquiz über die ganze Reihe in zwei Teilen, eine Checkliste zur Selbsteinschätzung und drei Abschlussaufgaben.
Du brauchst für dieses Modul etwa zwei Lektionen. Ein guter Schnitt liegt nach dem Glossar – das Gesamtquiz löst du am besten ausgeruht und mit Zeit zum Nachlesen.
Erkennen: Antisemitismus heute
Der Holocaust hat den Antisemitismus nicht beendet. Jüdische Gemeinden in Europa brauchen bis heute Polizeischutz; 2019 versuchte ein Rechtsextremist in Halle an der Saale, am höchsten jüdischen Feiertag in eine Synagoge einzudringen – die Tür hielt, und er ermordete danach zwei Menschen auf der Strasse und in einem Imbiss. Nach dem Terrorangriff der Hamas, einer Terrororganisation im Gazastreifen, auf Israel am 7. Oktober 2023 stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle in Europa stark an – oft wurden Jüdinnen und Juden hier für Ereignisse dort angefeindet. Antisemitismus tritt heute in mehreren Formen auf (das Wort steht heute oft für jede Judenfeindschaft, auch für den alten religiösen Antijudaismus aus «Vom Vorurteil zum Gesetz: Antisemitismus und Ausgrenzung bis 1935»):
- Alte Vorurteile in neuer Form: die Behauptung, «die Juden» seien reich, mächtig, hätten geheimen Einfluss auf Banken, Medien oder Regierungen. Das sind dieselben Bilder wie 1900 – nur heute oft in Memes oder Kommentaren.
- Verschwörungsmythen: Erzählungen, nach denen eine kleine, geheime Gruppe – oft «Elite» genannt – Pandemien, Kriege oder Finanzkrisen steuert. Nicht jede solche Erzählung ist antisemitisch. Sie wird es, wenn die angeblichen Drahtzieher als Juden dargestellt werden – offen oder verschlüsselt: Oft fällt das Wort «Jude» gar nicht mehr, aber die Bilder und Andeutungen stammen aus dem alten Antisemitismus, etwa aus den gefälschten «Protokollen der Weisen von Zion». Wie Verschwörungsmythos und Sündenbock-Denken zusammenhängen, hast du in «Vom Vorurteil zum Gesetz: Antisemitismus und Ausgrenzung bis 1935» gesehen.
- Holocaustleugnung und -verharmlosung: die Behauptung, der Völkermord habe nicht stattgefunden, die Opferzahlen seien erfunden oder stark übertrieben oder die Dokumente seien gefälscht. Das ist keine Meinung, sondern eine Lüge über ein bewiesenes Verbrechen («Stufe für Stufe: Von der Entrechtung zum Völkermord 1935–1945»). In Liechtenstein, der Schweiz, Österreich und Deutschland ist es strafbar, so etwas öffentlich zu verbreiten – weil es die Opfer verhöhnt, Hass schürt und den Boden für neue Gewalt bereitet.
- Hass unter dem Deckmantel der Kritik: Kritik an der Politik eines Staates ist in einer Demokratie erlaubt – auch an Israel. Antisemitisch wird sie, wenn sie «die Juden» als Ganzes verantwortlich macht, alte Vorurteile und Bilder benutzt oder Jüdinnen und Juden hier für Ereignisse dort angreift.
Drei Prüffragen zum Erkennen
Du musst keine Liste von Codewörtern – versteckten Andeutungen, die nur Eingeweihte verstehen – auswendig kennen, um Antisemitismus zu erkennen. Drei Fragen genügen meist:
- Wird aus Menschen eine Gruppe mit einem Willen? «Die Juden wollen …», «die Juden steuern …» – wer Millionen Menschen eine gemeinsame geheime Absicht unterstellt, argumentiert wie die Propaganda von damals.
- Wird Kompliziertes mit einem geheimen Drahtzieher erklärt – und sind es am Ende «die Juden» oder ein altes Bild von ihnen? Krisen haben viele Ursachen. Wer sie auf eine kleine Gruppe zurückführt, die angeblich im Verborgenen alles lenkt, erzählt einen Verschwörungsmythos. Antisemitisch wird er, wenn diese Gruppe «die Juden» ist oder mit den alten Bildern der Judenfeindschaft beschrieben wird.
- Der Austausch-Test: Er hilft bei Sätzen, die über eine ganze Gruppe etwas behaupten – «Die Juden sind …», «Die Juden wollen …». Setze zur Probe eine andere Gruppe ein, etwa «die Jugendlichen» oder «die Linkshänder». Wäre der Satz dann ein haltloses Vorurteil oder eine Beleidigung? Dann ist er es auch mit «Juden». Der Test prüft nur Verallgemeinerungen über eine Gruppe, nicht Tatsachen wie «Viele Jüdinnen und Juden feiern am Samstag den Sabbat».
Und wenn jemand sagt, das sei doch nur ein Witz? Witze, die ein Vorurteil bedienen, funktionieren nur, wenn alle dieses Vorurteil kennen – sie halten es am Leben. Frag dich: Wer lacht hier über wen, und wie ist es für jemanden, der zu dieser Gruppe gehört und zuhört? Du musst solche Witze nicht lustig finden – und du darfst widersprechen.
Merke: Antisemitismus heute ist der alte Hass in neuen Formen: alte Vorurteile, antisemitische Verschwörungsmythen, Holocaustleugnung, Hass als «Kritik». Drei Prüffragen helfen: Wird aus Menschen eine Gruppe mit einem Willen? Erklärt ein geheimer Drahtzieher alles – und sind es am Ende «die Juden» oder ihre alten Bilder? Wäre die Aussage mit einer anderen Gruppe ein haltloses Vorurteil oder eine Beleidigung (Austausch-Test)?
Zusatz (optional): Video «Antisemitismus» (6:44)
Dieses Video von MrWissen2go Geschichte (Terra X, ZDF) aus dem Jahr 2018 ist ein freiwilliges Zusatzangebot – alles, was du für die Aufgaben brauchst, steht in den Texten dieses Moduls. Anlass war damals eine Debatte um Textzeilen zweier Rapper, die als antisemitisch kritisiert wurden. Wenn du es schaust (Internet nötig, startet erst nach deinem Klick), achte auf zwei Leitfragen: (1) Wie erklärt das Video, was Antisemitismus bedeutet? (2) Warum ist er laut Video auch heute gefährlich – und welche der drei Prüffragen aus dem Text erkennst du wieder?
Transkript anzeigen
Zusammenfassung des Videos «Antisemitismus | musstewissen Geschichte» (MrWissen2go Geschichte | Terra X, 6:44, 2018) nach der Videobeschreibung: Antisemitismus war damals wieder ein Thema in Deutschland; das zeigte sich auch an der Diskussion um Textzeilen zweier Rapper, die als antisemitisch kritisiert wurden. In dem Video erklärt Mirko Drotschmann, was Antisemitismus bedeutet und warum er so gefährlich ist.
Erinnern: Wie eine Gesellschaft Geschichte wachhält
Erinnern geschieht nicht von selbst. Eine Gesellschaft muss entscheiden, woran sie sich erinnern will – und wie. Das nennt man Erinnerungskultur. Zu ihr gehören:
- Der 27. Januar. An diesem Tag befreite die Rote Armee 1945 das Lager Auschwitz-Birkenau. Deutschland begeht ihn seit 1996 als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Vereinten Nationen erklärten ihn 2005 zum internationalen Holocaust-Gedenktag. An vielen Schulen und bei Gedenkstunden von Parlamenten und Regierungen wird an diesem Tag innegehalten. In Liechtenstein hat die Regierung den 27. Januar 2003 als Gedenktag festgelegt; seit 2006 führt sie eine öffentliche Gedenkstunde durch, an der auch Schülerinnen und Schüler mitwirken.
- Gedenkstätten. Ehemalige Lager wie Auschwitz, Dachau oder Bergen-Belsen sind heute Orte des Lernens; das Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin und das Anne Frank Haus in Amsterdam ebenso. Sie zeigen Dokumente, Namen, Biografien – und erzählen auch, wer gerettet hat. Nah bei uns erinnert das Jüdische Museum Hohenems an das jüdische Leben in Vorarlberg und an seine Zerstörung.
- Stolpersteine. Der Künstler Gunter Demnig setzt seit den 1990er-Jahren kleine Messingtafeln in den Gehweg vor den letzten frei gewählten Wohnorten von NS-Opfern: «Hier wohnte …», mit Name, Geburtsjahr und Schicksal. Inzwischen liegen über 100 000 davon in mehr als 30 Ländern, auch in der Schweiz, in Österreich und seit 2022 in Vaduz. Man stolpert nicht mit dem Fuss, sondern mit dem Kopf: Ein Opfer bekommt seinen Namen und seinen Ort zurück.
- Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Jahrzehntelang erzählten Überlebende in Schulen von ihrem Leben. Die letzten von ihnen sind heute sehr alt. Bald wird es niemanden mehr geben, der sagen kann: Ich war dabei. Dann liegt das Erinnern ganz bei uns – bei Büchern, Gedenkstätten, Aufzeichnungen und bei dem, was du selbst weitergibst.
- Forschung. Auch kleine Länder stellen sich ihrer Geschichte: Liechtenstein setzte 2001 eine Unabhängige Historikerkommission ein, die untersuchte, wie sich das Land, seine Firmen und das Fürstenhaus während des Zweiten Weltkriegs verhalten hatten – zu Flüchtlingen, zu Vermögenswerten und Raubkunst, zur Rüstungsproduktion und zur Zwangsarbeit. Ihr Schlussbericht erschien 2005.
Warum das wichtig ist: Erinnern ist nicht Schuld. Es ist Verantwortung – dafür, dass sich die Muster nicht wiederholen, und dafür, dass die Ermordeten nicht ein zweites Mal verschwinden, diesmal aus dem Gedächtnis. Verantwortung heisst: wissen, was geschah, die Muster erkennen und hinschauen, widersprechen und helfen, wenn Menschen heute ausgegrenzt werden. Das gilt für alle, die hier leben – woher ihre Familie auch stammt.
Merke: Erinnerungskultur heisst: Gedenktag (27. Januar), Gedenkstätten, Stolpersteine, Zeitzeugen, Forschung. Sie gibt den Opfern Namen zurück und macht uns wachsam für die Gegenwart.
Schützen: Was eine Demokratie widerstandsfähig macht
Die Weimarer Republik war eine Demokratie mit einer modernen Verfassung – und sie wurde binnen eineinhalb Jahren zerstört, das meiste davon schon bis zum Sommer 1933, ohne Putsch, mit Gesetzen und Verordnungen («Von der Demokratie zur Diktatur: 1933/34»). Was lehrt uns das?
- Gewaltenteilung ist kein Papier, sondern Praxis. Das Ermächtigungsgesetz übertrug der Regierung die Macht des Parlaments – und eine Mehrheit stimmte zu. Eine Demokratie braucht Regeln, die so etwas unmöglich machen, und Abgeordnete, Richterinnen und Beamte, die sie auch unter Druck anwenden.
- Grundrechte müssen gerade in Krisen gelten – und für alle. Grundrechte sind Menschenrechte, die eine Verfassung festschreibt und die den Staat binden: Sie gelten für jeden Menschen, unabhängig von Herkunft oder Religion – diesen Gedanken kennst du aus «Vom Vorurteil zum Gesetz: Antisemitismus und Ausgrenzung bis 1935». Die Nationalsozialisten lehnten die Menschenrechte als «Schwäche» und «undeutsch» ab («Weltbild und Werbung: Ideologie und Propaganda»). Die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 setzte die Grundrechte «bis auf Weiteres» ausser Kraft, also ohne Frist – begründet mit der angeblichen Gefahr eines kommunistischen Aufstands. Sie wurde nie aufgehoben und galt bis 1945. In Krisen haben Menschen Angst – und wer Angst hat, gibt Freiheiten leichter auf; 1933 nutzte die NS-Führung genau das aus. Die Frage ist, ob die Grundrechte so einem Druck standhalten – vor allem für Minderheiten, denn sie sind der Prüfstein: Eine Demokratie misst sich nicht daran, wie sie mit der Mehrheit umgeht, sondern mit denen, die anders sind oder anders denken. Die Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden begann 1933 bei weniger als einem Prozent der Bevölkerung – und die meisten anderen schauten weg, gewöhnten sich daran oder zogen sogar Vorteile daraus. Nur wenige widersprachen, einige halfen.
- Zivilcourage ist die letzte Sicherung. Keine Verfassung schützt sich selbst. Grüninger, Hübener, die Helferinnen und Helfer im Amsterdamer Hinterhaus, die Kundinnen, die am 1. April 1933 trotzdem einkauften – sie zeigen, dass es auf jeder Stufe Handlungsspielraum gab. Der Preis stieg allerdings mit jeder Stufe: Wer am 1. April 1933 trotzdem einkaufte, riskierte, fotografiert zu werden; Grüninger verlor 1939 seine Stelle und wurde verurteilt; die Helfenden im Hinterhaus riskierten ihr Leben; Hübener bezahlte mit seinem. Unter einer Diktatur kosteten Widerstand und Hilfe oft viel, im Extremfall das Leben. Zivilcourage im Alltag beginnt viel früher und viel kleiner: hinschauen, widersprechen, helfen, Hilfe holen – ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.
Und Liechtenstein?
In «Wer regiert? Staatsformen, Demokratie und Diktatur» hast du gesehen, dass Liechtenstein eine Monarchie und zugleich eine Demokratie ist: Der Fürst erbt sein Amt, Gesetze kommen aber nur mit dem vom Volk gewählten Landtag zustande, und die Verfassung von 1921 begrenzt die Macht. Auch sonst ist die Macht verteilt – auf Fürst, Landtag, Regierung und Gerichte. Der Staatsgerichtshof, das Verfassungsgericht, wacht darüber, dass die Verfassung eingehalten wird, und das Volk kann mit der Initiative selbst Gesetze vorschlagen und mit dem Referendum über Gesetze abstimmen. Solche Sicherungen wurden 1933 in Deutschland ausgehebelt. Wie viel Macht dabei der Fürst und wie viel das Volk haben soll, wird auch in Liechtenstein immer wieder diskutiert – und darüber darf und soll man in einer Demokratie streiten. Ein Vorbild in allem war das Land damals nicht: 1938 wies es mehr Gesuche jüdischer Flüchtlinge ab, als es bewilligte, und sperrte im Dezember die Einreise («Stufe für Stufe: Von der Entrechtung zum Völkermord 1935–1945»); mit der Historikerkommission stellt es sich dieser Geschichte. Sicherungen funktionieren nur, solange Menschen sie nutzen: wählen, mitreden, widersprechen, Minderheiten schützen – auch im Kleinen, in der Schule und im Dorf.
Merke: Drei Dinge schützen eine Demokratie: Gewaltenteilung (niemand hat alle Macht), Grundrechte, die auch in Krisen und für Minderheiten gelten, und Zivilcourage – Menschen, die nicht wegschauen. Das Schaubild zeigt die drei Säulen – und was 1933 geschah, als sie fehlten.
Was eine Demokratie schützt
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Eigene Darstellung, EveryCate, CC BY-SA 4.0
Textbeschreibung anzeigen
Titel: Was eine Demokratie schützt und was 1933 fehlte. Untertitel: Blau die drei Säulen heute, Orange was 1933 bis 1945 geschah. Oben ein Dach: Demokratie: Macht wird kontrolliert, Rechte gelten für alle, auch für Minderheiten. Darunter drei blaue Säulen. Säule 1 Gewaltenteilung: Parlament, Regierung und unabhängige Gerichte kontrollieren sich gegenseitig, niemand hat alle Macht; darunter orange: 1933: Das Ermächtigungsgesetz gab der Regierung die Macht des Parlaments. Säule 2 Grundrechte: Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, sie gelten auch in Krisen und für Minderheiten; darunter orange: 1933: Die Reichstagsbrandverordnung setzte die Grundrechte ausser Kraft. Säule 3 Zivilcourage: Menschen, die hinschauen, widersprechen und helfen, im Kleinen wie im Grossen: Grüninger, Hübener, die Helferinnen und Helfer im Hinterhaus; darunter orange: 1933 bis 1945: Die Mehrheit schaute weg und machte das Unrecht möglich. Unten ein graues Fundament: eine Verfassung und Bürgerinnen und Bürger, die sie verteidigen.
Begriffe der Reihe
Ordne jedem Begriff die passende Erklärung zu. Tippe links und rechts je ein Element an. Wenn du unsicher bist: Das Glossar im nächsten Block hilft.
Tippe ein Element links und eines rechts an, um ein Paar zu bilden – mit welcher Seite du beginnst, ist egal. Nochmaliges Antippen wählt ab; Antippen eines verbundenen Elements löst das Paar wieder.
Glossar: Begriffe und Abkürzungen der Reihe
Hier findest du die wichtigen Begriffe und Abkürzungen der acht Module in alphabetischer Reihenfolge. Stichwörter in «…» sind Wörter der Täter oder der NS-Propaganda und zusätzlich mit «Täterbegriff» gekennzeichnet – wir benutzen sie nur mit Anführungszeichen und Erklärung.
| Begriff | Erklärung |
|---|---|
| AHS | Adolf-Hitler-Schulen: ab 1937 von Partei und HJ geführte Internate für Jungen ab 12, ohne Schulgeld, zur Ausbildung einer Führungselite – das Gegenstück der Partei zur staatlichen Napola. |
| «Anschluss» | NS-Wort für die erzwungene Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich: Am 12. März 1938 marschierte die Wehrmacht ein. Das Wort täuscht einen freiwilligen Beitritt vor. Täterbegriff. |
| Antijudaismus | Judenfeindschaft aus religiösen Gründen (seit der Antike, vor allem im Mittelalter): Vorwurf des «Gottesmords», Legenden, Kennzeichnung ab 1215, Pogrome. Die ältere Form der Judenfeindschaft; der rassistische Antisemitismus kam erst im 19. Jahrhundert dazu. |
| Antikommunismus | Feindschaft gegen den Kommunismus; die Nationalsozialisten nannten ihn «Bolschewismus» und stellten ihn zugleich als «jüdisch» dar – so verband sich der Antisemitismus mit der Angst vor einer Revolution. |
| Antisemitismus | Judenhass, der Juden als angebliche «Rasse» definiert (Wort ab 1879). Im engeren Sinn meint das Wort diesen rassistischen Judenhass im Unterschied zum religiösen Antijudaismus; im heutigen Sprachgebrauch steht es oft für jede Form von Judenfeindschaft. |
| «Arierparagraf» | § 3 des Berufsbeamtengesetzes vom 7. April 1933: Entlassung «nicht arischer» Beamter – Vorbild für viele Berufsverbote. Täterbegriff. |
| «arisch» | NS-Wort aus der «Rassenlehre»: Die «Arier» galten als erfundene «Herrenrasse» (vor allem Deutsche und Nordeuropäer). In den Gesetzen hiess «arisch» praktisch «nicht jüdisch». Täterbegriff. |
| «Arisierung» | Erzwungener Verkauf jüdischer Geschäfte, Firmen und Häuser weit unter Wert an nichtjüdische Käufer. Täterbegriff. |
| BDM | Bund Deutscher Mädel: NS-Jugendorganisation für Mädchen von 14 bis 18 Jahren. |
| Boykott | Organisierte Weigerung, bei jemandem zu kaufen – am 1. April 1933 gegen jüdische Geschäfte, Praxen und Kanzleien. |
| DAF | Deutsche Arbeitsfront: NS-Zwangsorganisation, die 1933 die verbotenen Gewerkschaften ersetzte. |
| DAP | Deutsche Arbeiterpartei: kleine Münchner Partei, der Hitler 1919 beitrat; 1920 wurde aus ihr die NSDAP. |
| Demokratie | Herrschaftsform, in der die Macht vom Volk ausgeht und kontrolliert wird: freie Wahlen, Gewaltenteilung, Grundrechte, Opposition. |
| Denunziation | Anzeige von Mitmenschen bei Polizei oder Partei – für die Gestapo eine wichtige Informationsquelle. |
| Deportation | Zwangsweiser Abtransport von Menschen – ab Oktober 1941 aus dem Reich in Ghettos und Lager im Osten. |
| «deutschblütig» / «artverwandt» | NS-Wörter aus der «Rassenlehre» und den Nürnberger Gesetzen: Als «deutschblütig» galt, wer keinen jüdischen Grosselternteil hatte. «Artverwandt» nannte das Reichsbürgergesetz Menschen, die das Regime zu einer «verwandten Rasse» zählte, etwa andere Europäer – nicht aber Juden. Nur wer «deutschen oder artverwandten Blutes» war, konnte «Reichsbürger» mit politischen Rechten sein. Täterbegriffe. |
| Diktatur | Herrschaftsform, in der eine Person oder Gruppe unkontrolliert herrscht: keine freien Wahlen, keine Gewaltenteilung, keine Grundrechte. |
| DJ | Deutsches Jungvolk: NS-Jugendorganisation für Jungen von 10 bis 14 Jahren («Pimpfe»). |
| DNVP | Deutschnationale Volkspartei: konservative Partei, mit der die NSDAP ab dem 30. Januar 1933 regierte. |
| «Dolchstosslegende» | Lüge von 1918/19, das Heer sei im Ersten Weltkrieg von «innen» verraten worden; sie lenkte die Schuld von den Generälen ab und machte Juden zum Sündenbock. Täterbegriff. |
| Edelweisspiraten / Swing-Jugend | Unangepasste Jugendgruppen im NS-Staat: die Edelweisspiraten (Rheinland und Ruhrgebiet; eigene Fahrten und Lieder, Streit mit dem HJ-Streifendienst) und die Swing-Jugend (Hamburg und andere Städte; Jazz, Swing, englische Mode). Die Verfolgung reichte bis zu Jugend-KZ und Hinrichtung. |
| Einsatzgruppen | Mobile Einheiten von SS und Polizei, die ab Juni 1941 hinter der Front Massenerschiessungen durchführten – unterstützt von Wehrmachtseinheiten und einheimischen Kollaborateuren. |
| Emanzipation | Schrittweise rechtliche Gleichstellung der Jüdinnen und Juden im 18. und 19. Jahrhundert; im Deutschen Reich 1871 rechtlich vollendet. |
| «Endlösung» | NS-Tarnwort für den Völkermord an den europäischen Juden. Täterbegriff. |
| Erinnerungskultur | Wie eine Gesellschaft Geschichte wachhält: Gedenktag am 27. Januar, Gedenkstätten, Stolpersteine, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Forschung. |
| Ermächtigungsgesetz | Gesetz vom 23. März 1933: Die Regierung durfte Gesetze ohne Reichstag erlassen – Selbstentmachtung des Parlaments. |
| «Euthanasie» / «T4» | «Euthanasie» (griechisch «schöner Tod») war das NS-Tarnwort für den Mord an Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen; «T4» (nach der Berliner Adresse Tiergartenstrasse 4) der Deckname der zentralen Mordaktion ab 1939. Bis August 1941 rund 70 000 Ermordete, insgesamt rund 200 000 und mehr. Täterbegriffe. |
| Faschismus | Von Mussolini nach dem Ersten Weltkrieg in Italien begründete Bewegung (1922 Regierungschef nach dem «Marsch auf Rom», ab 1925/26 Diktatur): Führerkult, Gewalt, Nationalismus, Ablehnung der Demokratie. |
| Führerprinzip | Grundsatz des NS-Staates: Befehl von oben nach unten, Gehorsam von unten nach oben. An der Spitze entscheidet der «Führer» allein, auf jeder Ebene setzen von oben eingesetzte «Führer» seine Befehle durch – keine Wahlen, keine Kontrolle, keine Gewaltenteilung. |
| Gestapo | Geheime Staatspolizei: politische Polizei des NS-Staates, verhängte «Schutzhaft» ohne Gericht. |
| Gewaltenteilung | Aufteilung der Staatsmacht auf Parlament, Regierung und Gerichte, die sich gegenseitig kontrollieren. |
| Ghetto | Abgeriegeltes Stadtviertel, in dem Juden leben mussten – erstmals 1516 in Venedig, später ab 1940 im besetzten Polen (Łódź, Warschau). |
| «Gleichschaltung» | Unterwerfung aller Bereiche – Länder, Parteien, Vereine, Medien, Jugend – unter die Kontrolle der NSDAP, ab 1933. Täterbegriff. |
| Grundrechte | Menschenrechte, die in einer Verfassung festgeschrieben sind und den Staat binden: Meinungs-, Presse-, Versammlungsfreiheit, Gleichheit, Schutz der Person. |
| «Hilfspolizei» | Ab dem 22. Februar 1933 durfte die SA in Preussen mit staatlicher Erlaubnis Polizeiaufgaben übernehmen; nach dem Reichstagsbrand wurde sie als Schlägertrupp mit Amtsgewalt massenhaft gegen politische Gegner eingesetzt. Täterbegriff. |
| Hitlergruss | «Heil Hitler!» mit erhobenem Arm; ab 1933 für Beamte Pflicht und im Alltag ein allgegenwärtiges Treuebekenntnis – ein Mittel der Propaganda. |
| HJ | Hitlerjugend: NS-Jugendorganisation für Jungen von 14 bis 18, ab 1936 Staatsjugend, ab März 1939 Pflicht; auch Oberbegriff für die gesamte NS-Jugend (HJ, DJ, BDM, JM). |
| Holocaust / Shoah | Der Völkermord an rund sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden 1941–1945 (griechisch «vollständig verbrannt» / hebräisch «Katastrophe»). |
| Holocaustleugnung | Behauptung, der Völkermord an den Jüdinnen und Juden habe nicht stattgefunden oder sei stark übertrieben – keine Meinung, sondern eine Lüge über ein bewiesenes Verbrechen; in Liechtenstein, der Schweiz, Österreich und Deutschland strafbar. |
| Ideologie | Geschlossenes Weltbild, das erklärt, wie die Welt angeblich ist und sein soll – und Widerspruch nicht zulässt. |
| Indoktrination | Beeinflussung, die keinen Widerspruch zulässt – etwa in den Heimabenden der HJ. |
| J-Stempel | Roter Buchstabe «J» in den Reisepässen deutscher Juden ab Oktober 1938 – von deutschen Behörden vorgeschlagen, von der Schweiz angenommen und genutzt, um jüdische Flüchtlinge an der Grenze zu erkennen und abzuweisen. |
| JM | Jungmädelbund: NS-Jugendorganisation für Mädchen von 10 bis 14 Jahren. |
| «Judenstern» | Gelber Stern mit der Aufschrift «Jude», den jüdische Menschen im Reich ab September 1941 tragen mussten. Täterbegriff. |
| Jugend-KZ | Lager für Jugendliche, die sich dem Regime nicht fügten: Moringen für Jungen, Uckermark für Mädchen. |
| KdF | «Kraft durch Freude»: Freizeitorganisation der DAF (Reisen, Konzerte, KdF-Wagen) – Werbung für die «Volksgemeinschaft». |
| Kindertransporte | Rettung von rund 10 000 jüdischen Kindern nach Grossbritannien, Dezember 1938 bis September 1939. |
| Kommunismus | Ideologie, nach der Fabriken und Land allen gemeinsam gehören und es keine Klassen mehr geben soll. |
| Konferenz von Évian | Treffen von Vertretern aus 32 Staaten im Juli 1938 am Genfersee über die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich; fast kein Staat war bereit, mehr Menschen aufzunehmen. |
| KPD | Kommunistische Partei Deutschlands: wurde nach dem Reichstagsbrand 1933 sofort beschuldigt und verfolgt; ihre Abgeordneten waren beim Ermächtigungsgesetz verhaftet oder geflohen. |
| KZ | Konzentrationslager: Haftlager ohne Gerichtsurteil für Terror und Zwangsarbeit (die ersten entstanden schon im März 1933, etwa in Dachau) – nicht dasselbe wie ein Vernichtungslager. |
| «Lebensraum» | NS-Ziel, im Osten (Polen, Sowjetunion) Land zu erobern und die dortige Bevölkerung zu vertreiben, zu versklaven oder zu töten – Begründung des Eroberungskriegs. Täterbegriff. |
| Liberalismus | Politische Richtung, die die Freiheit und die Rechte des Einzelnen an die erste Stelle setzt. |
| Machtübernahme | Neutrale Bezeichnung für Hitlers Weg an die Macht 1933. Die Nationalsozialisten sprachen von «Machtergreifung» (als hätten sie die Macht erkämpft); viele Forschende sagen «Machtübertragung», weil Hitler am 30. Januar 1933 legal ernannt wurde – scheinlegal, denn Terror und Rechtsbruch folgten sofort. |
| «Märzgefallene» | Spottname alter Parteimitglieder für die vielen, die nach der Reichstagswahl im März 1933 in die NSDAP eintraten. |
| Menschenrechte | Rechte, die jedem Menschen allein deshalb zustehen, weil er ein Mensch ist – unabhängig von Herkunft, Religion oder Staatsangehörigkeit; viele davon stehen als Grundrechte in den Verfassungen. |
| Minderheitenschutz | Regel, dass die Mehrheit die Rechte von Minderheiten nicht beschneiden darf – ein Merkmal der Demokratie. |
| «Mischling» / «Geltungsjude» | NS-Kategorien der Verordnung vom 14. November 1935 nach der Religion der Grosseltern: zwei jüdische Grosseltern «Mischling 1. Grades», ein Grosselternteil «Mischling 2. Grades»; wer bei zwei jüdischen Grosseltern einer jüdischen Gemeinde angehörte oder mit einem Juden verheiratet war, galt als «Geltungsjude» und wurde wie ein «Jude» behandelt. Täterbegriffe. |
| Monarchie / Republik | Staatsform nach dem Staatsoberhaupt: erblicher Monarch (Monarchie) oder gewähltes Staatsoberhaupt (Republik) – sagt nichts darüber, ob der Staat demokratisch ist. |
| «Mutterkreuz» | Orden für Frauen mit vielen Kindern ab 1938 (Bronze ab vier, Silber ab sechs, Gold ab acht Kindern) – Teil des NS-Frauenbilds von der «deutschen Frau und Mutter». Täterbegriff. |
| Napola | Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NPEA): staatliches NS-Internat ab 1933 zur Ausbildung einer Führungselite. |
| Novemberpogrome | Organisierte Gewalt gegen Juden am 9./10. November 1938: Synagogen zerstört, Geschäfte verwüstet, Hunderte Tote, 30 000 Männer in KZ. Der zeitgenössische Begriff «Reichskristallnacht» verharmlost. |
| NS | Kurzform für «nationalsozialistisch» (NS-Staat, NS-Ideologie). «Nazi» war ursprünglich ein spöttischer Kurzname der Gegner. |
| NSDAP | Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei: Hitlers Partei, ab Juli 1933 die einzige erlaubte Partei. |
| Nürnberger Gesetze | Drei Gesetze vom 15. September 1935: Reichsbürgergesetz, «Blutschutzgesetz», Reichsflaggengesetz – Juden wurden Bürger zweiter Klasse. |
| Pogrom | Gewaltsamer Angriff einer Menge auf eine Minderheit mit Plünderung, Brandstiftung und Mord (russisch «Verwüstung»). |
| «Polenaktion» | Ende Oktober 1938: Das Regime schob rund 17 000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit, die teils seit Jahrzehnten in Deutschland lebten, über Nacht an die polnische Grenze ab; Tausende sassen im Niemandsland fest. Täterbegriff. |
| Porajmos | Romani-Wort für «das Verschlingen»: Name für den Völkermord an bis zu 500 000 Sinti und Roma. Unter Sinti und Roma ist er umstritten, deshalb sagt man auch «Völkermord an den Sinti und Roma». |
| Propaganda | Gezielte Beeinflussung von Meinungen und Gefühlen durch einseitige, vereinfachende Botschaften – im NS-Staat durch Goebbels' Ministerium. |
| RAD | Reichsarbeitsdienst: ab 1935 sechs Monate Pflichtdienst für junge Männer, später auch für Frauen. |
| «Rassenhygiene» | NS-Wort für die Politik, angeblich «erbkranke» Menschen unfruchtbar zu machen (Gesetz vom 14. Juli 1933, rund 400 000 Zwangssterilisationen) und später zu ermorden. Täterbegriff. |
| «Rassenlehre» | Pseudowissenschaftliche NS-Behauptung, die Menschheit zerfalle in «Rassen» unterschiedlichen Werts. Täterbegriff. |
| «Rassenschande» | NS-Propagandawort für Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden, die das «Blutschutzgesetz» 1935 verbot; es folgten Denunziationen, Prozesse, Haft, im Krieg auch Todesurteile. Täterbegriff. |
| Rechtsstaat | Staat, der sich selbst an Gesetze und Grundrechte hält: Niemand wird ohne Gerichtsverfahren bestraft, und auch die Regierung muss sich an die Gesetze halten. |
| Reichsstatthalter | Von Hitler 1933 in die Länder geschickte Statthalter, die die Landesregierungen ersetzten und nach Weisungen von oben regierten – Teil der «Gleichschaltung». |
| Reichstagsbrandverordnung | Notverordnung vom 28. Februar 1933: setzte die Grundrechte «bis auf Weiteres» ausser Kraft – Grundlage für «Schutzhaft» und Terror; sie galt bis 1945. |
| «Röhm-Putsch» | NS-Propagandaname für die Ermordung der SA-Führung um Ernst Röhm und weiterer Gegner durch die SS vom 30. Juni bis 2. Juli 1934; einen Putschplan gab es nicht. Danach war die SA entmachtet und die SS stieg auf. Täterbegriff. |
| RSHA / SD | Reichssicherheitshauptamt: ab 1939 die Zentrale von Gestapo, Kriminalpolizei und SD (Sicherheitsdienst der SS, Geheimdienst der Partei) unter Reinhard Heydrich; von dort wurden später auch die Deportationen organisiert. |
| SA | Sturmabteilung: Schlägertruppe der NSDAP in braunen Hemden; nach dem «Röhm-Putsch» (siehe dort) 1934 entmachtet. |
| «Schutzhaft» | Haft ohne Gerichtsurteil, verhängt von Gestapo oder Polizei – oft im KZ. Täterbegriff. |
| Sozialdarwinismus | Übertragung der Idee vom «Überleben des Stärkeren» auf Völker: Kampf und Krieg galten den Nationalsozialisten als Naturgesetz, Mitleid als Schwäche – eine Umdeutung, denn Darwin beschrieb Anpassung in der Natur. |
| SPD | Sozialdemokratische Partei Deutschlands: stimmte am 23. März 1933 als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz (Rede von Otto Wels). |
| SS | Schutzstaffel: aus Hitlers Leibwache entstandene Organisation unter Himmler; betrieb die KZ, stellte Gestapo-Führung und Einsatzgruppen, organisierte den Völkermord. |
| Stolpersteine | Kleine Messingtafeln im Gehweg vor den letzten Wohnorten von NS-Opfern, Projekt des Künstlers Gunter Demnig seit den 1990er-Jahren. |
| «Sühneleistung» | Zwangsabgabe von einer Milliarde Reichsmark, die eine Verordnung am 12. November 1938 den jüdischen Opfern der Novemberpogrome auferlegte – sie mussten für Schäden aufkommen, die andere angerichtet hatten. Täterbegriff. |
| Sündenbock | Person oder Gruppe, der man die Schuld an Problemen gibt, die sie nicht verursacht hat. |
| Totalitarismus | Herrschaft, die das ganze Leben der Menschen kontrollieren will – Politik, Arbeit, Freizeit, Denken. Gegensatz: Eine autoritäre Diktatur verlangt nur Gehorsam, eine totalitäre verlangt Begeisterung und will die Menschen ganz erfassen. |
| Vernichtungslager | Lager, die vor allem dazu dienten, ankommende Menschen möglichst schnell zu ermorden: Chełmno, Bełżec, Sobibór und Treblinka allein dazu; Majdanek und Auschwitz-Birkenau waren zugleich KZ mit Zwangsarbeit. |
| Verschwörungsmythos | Erfundene Erzählung, nach der eine geheime Gruppe hinter allem Schlechten steckt – zum Beispiel die gefälschten «Protokolle der Weisen von Zion». |
| «Volksempfänger» | Billiges Radio, das das Regime ab 1933 bauen liess, damit Hitlers Reden und die Propaganda jeden Haushalt erreichten. Täterbegriff. |
| «Volksgemeinschaft» | NS-Versprechen einer Gemeinschaft ohne Klassen – tatsächlich mit Ausschluss aller «Gemeinschaftsfremden». Täterbegriff. |
| Volksgerichtshof | Sondergericht des NS-Regimes für politische Verfahren, in dem es keine faire Verteidigung gab – es verurteilte zum Beispiel Helmuth Hübener zum Tod. |
| Waffen-SS / Totenkopfverbände | Die Waffen-SS war eine bewaffnete SS-Truppe neben der Wehrmacht; die Totenkopfverbände der SS bewachten und betrieben die Konzentrationslager. |
| Wannsee-Konferenz | Treffen von fünfzehn hohen Beamten und SS-Führern am 20. Januar 1942, das die Durchführung des bereits begonnenen Völkermords koordinierte. |
| «Wehrertüchtigung» | NS-Wort für das militärische Training von Jugendlichen in der HJ – Vorbereitung auf den Krieg, ab 16 mit Schiessübungen. Täterbegriff. |
| Wehrmacht | Die Streitkräfte des NS-Staates; bis 1935 hiessen sie Reichswehr (das Heer der Republik). Die Soldaten wurden am 2. August 1934 auf Hitler persönlich vereidigt. |
| Weisse Rose | Studentische Widerstandsgruppe um Hans und Sophie Scholl in München, die 1942/43 Flugblätter gegen Regime und Krieg verteilte; die Kerngruppe wurde 1943 hingerichtet. |
| Zivilcourage | Mut, für andere einzustehen und Unrecht zu widersprechen – auch gegen die Mehrheit und trotz möglicher Nachteile. Im Alltag heisst das: hinschauen, widersprechen, helfen, Hilfe holen – ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Unter einer Diktatur konnte solcher Mut die Stelle oder das Leben kosten (Grüninger, Hübener, die Helfenden im Hinterhaus). |
Gesamtquiz, Teil 1: Module 1 bis 5
Frage 1 von 14Teil 1 des Gesamtquiz: Fragen aus den ersten fünf Modulen der Reihe. Du kannst das Quiz beliebig oft wiederholen, es zählt dein bestes Ergebnis. Wenn du bei einer Frage unsicher bist, lies im Glossar oder im passenden Modul nach.
Woran erkennt man, ob ein Staat eine Demokratie ist?
Gesamtquiz, Teil 2: Module 6 bis 8
Frage 1 von 14Teil 2 des Gesamtquiz: Fragen aus den letzten drei Modulen der Reihe und zu den Lehren für heute. Du kannst das Quiz beliebig oft wiederholen, es zählt dein bestes Ergebnis. Wenn du bei einer Frage unsicher bist, lies im Glossar oder im passenden Modul nach.
Was unterscheidet den rassistischen Antisemitismus vom religiösen Antijudaismus?
Selbsteinschätzung: Was ich jetzt kann
Geh die Liste durch und schätze dich ehrlich ein. Schreibe in dein Heft die Nummer jeder Aussage und dazu sicher, unsicher oder nachlesen. Wo du nachlesen kannst, steht unter der Liste. Die Erweitert-Aussagen (20 bis 28) sind freiwillig.
Basis
- Ich kann Monarchie und Republik von Demokratie und Diktatur unterscheiden und Liechtenstein in die Vierfelder-Matrix einordnen.
- Ich kann erklären, was Totalitarismus und Faschismus bedeuten und was den Nationalsozialismus vom italienischen Faschismus unterscheidet.
- Ich kann die Schritte von der Ernennung Hitlers am 30. Januar 1933 bis zum 2. August 1934 (darunter der «Röhm-Putsch») in der richtigen Reihenfolge nennen und erklären, was Reichstagsbrandverordnung und Ermächtigungsgesetz bewirkten.
- Ich kann das Führerprinzip und die «Gleichschaltung» erklären.
- Ich kann die Abkürzungen NSDAP, SA, SS, Gestapo, HJ, DJ, BDM, JM, DAF, KdF und RAD auflösen, ihre Aufgabe und ihr Erkennungsmerkmal nennen und erklären, welche Rolle SA, SS und Gestapo im Terror spielten und warum Denunziationen so wichtig waren.
- Ich kann erklären, was eine Ideologie ist, die Bausteine der NS-Ideologie nennen und erklären, wie aus der «Rassenlehre» Gesetze und Mord wurden.
- Ich kann die wichtigsten Propagandamittel nennen und Gründe aufzählen, warum viele Menschen nach 1933 zustimmten, mitmachten oder wegschauten.
- Ich kann Propaganda mit dem Analyseraster untersuchen.
- Ich kann erklären, wie der NS-Staat die Jugend erfasste und erzog, und Beispiele für Anpassung und Widerstand nennen.
- Ich kann erklären, was die Eliteschulen «Napola» und Adolf-Hitler-Schulen sollten, und einen Spielfilm wie «Napola» als Darstellung einordnen.
- Ich kann Antijudaismus und Antisemitismus unterscheiden und die «Protokolle der Weisen von Zion» als Fälschung erkennen.
- Ich kann erklären, welche Funktion das Feindbild für das Regime hatte, warum es in sich widersprüchlich war (Kapitalismus und Kommunismus zugleich) und wie die Ausgrenzung 1933 begann.
- Ich kann Hitlers Antisemitismus einordnen: die Wien-Erzählung aus «Mein Kampf» und den Befund der Forschung (München 1919).
- Ich kann die Nürnberger Gesetze und die Abstammungsregel erklären und sagen, warum sie die «Rassenlehre» entlarvt.
- Ich kann die Stufen der Verfolgung von 1933 bis 1945 nennen, Ereignisse zuordnen – Boykott, Gesetze, Pogrome, Flucht, «Judenstern», Deportation, Völkermord – und Anne Franks Lebensweg in die Stufen einordnen.
- Ich kann das Jahr 1938 beschreiben (Konferenz von Évian, J-Stempel, «Polenaktion», Novemberpogrome, «Sühneleistung», «Arisierung»), erklären, warum «Reichskristallnacht» ein verharmlosender Begriff ist, und Flucht und Rettung an den Kindertransporten und an Paul Grüninger beschreiben.
- Ich kann den Unterschied zwischen KZ und Vernichtungslager erklären und die Opfergruppen nennen.
- Ich kann heutige Formen von Antisemitismus erkennen und begründen, warum Holocaustleugnung strafbar ist.
- Ich kann erklären, was Erinnerungskultur ist und was eine Demokratie schützt.
Erweitert
- Ich kann einordnen, warum Forschende darüber streiten, ob der Nationalsozialismus «Faschismus» ist.
- Ich kann begründen, warum die Machtübernahme nur scheinbar legal war, und die Begriffe «Machtergreifung» und «Machtübertragung» einordnen.
- Ich kann die Hintergründe von KZ, KdF-Wagen, RSHA und dem Wort «Nazi» erklären.
- Ich kann Hitlers Propagandaprinzipien analysieren und Propagandatechniken heute erkennen.
- Ich kann erklären, warum Rauschnings «Gespräche mit Hitler» keine verlässliche Quelle sind.
- Ich kann die Weisse Rose als Beispiel studentischen Widerstands einordnen.
- Ich kann am «Arierparagrafen» begründen, warum die Vorstellung einer «jüdischen Rasse» Taufe und Anpassung als Ausweg wertlos machte.
- Ich kann einen Gesetzestext in Alltagssprache übersetzen, einen Zeitungsartikel über die Pogrome schreiben und die Rollen Täter, Mitläufer, Zuschauer, Helfer und Opfer analysieren.
- Ich kann eine Recherche zu einem Stolperstein oder Erinnerungsort planen.
Wo kannst du nachlesen?
- Aussagen 1, 2, 20: «Wer regiert? Staatsformen, Demokratie und Diktatur»
- Aussagen 3, 4, 21: «Von der Demokratie zur Diktatur: 1933/34»
- Aussagen 5, 22: «Wer ist wer? Partei, SA, SS, Gestapo und die Jugendorganisationen»
- Aussagen 6, 7, 8, 23: «Weltbild und Werbung: Ideologie und Propaganda»
- Aussagen 9, 10, 24, 25: «Jugend im NS-Staat – und der Film «Napola»»
- Aussagen 11, 12, 13, 26: «Vom Vorurteil zum Gesetz: Antisemitismus und Ausgrenzung bis 1935»
- Aussagen 14, 15, 16, 17, 27: «Stufe für Stufe: Von der Entrechtung zum Völkermord 1935–1945»
- Aussagen 18, 19, 28: in den Abschnitten «Erkennen», «Erinnern» und «Schützen» weiter oben in diesem Modul
Wenn du bei mehr als drei der Aussagen 1 bis 19 «nachlesen» notiert hast, lohnt sich ein zweiter Durchgang durch das jeweilige Modul – die beiden Teile des Gesamtquiz kannst du danach wiederholen.
Abschluss: Zivilcourage, Leugnung, Recherche
Deine Antworten gehen an deine Lehrperson. Aufgaben 1 und 2 sind für alle gedacht, Aufgabe 3 ist als (Erweitert) gekennzeichnet.
Erkläre in eigenen Worten – so merkst du am besten, was du schon verstanden hast.
Deine Antworten werden auf diesem Gerät gespeichert und gehen mit deinem nächsten Fortschritts-Report an die Lehrperson.
Beschreibe in zwei bis fünf Sätzen eine Situation aus deinem Alltag – Schule, Verein, Klassenchat, Bushaltestelle –, in der Zivilcourage gefragt wäre: Jemand wird ausgegrenzt oder verspottet – wegen seiner Herkunft, seiner Religion oder weil er anders ist. Die Situation darf ausgedacht sein; nenne keine Namen. Was könntest du konkret tun, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen?
Tipp anzeigen
Zivilcourage im Alltag heisst nicht Heldentum. Möglichkeiten: hinschauen statt wegschauen, den Betroffenen ansprechen, laut widersprechen («Das finde ich nicht okay»), andere dazuholen, einen Erwachsenen informieren, später nachfragen, wie es der Person geht. Bei Gewalt oder Bedrohung gehst du nicht dazwischen, sondern holst Hilfe: Erwachsene ansprechen oder die Polizei rufen.
Jemand sagt: «In einer Demokratie darf man alles sagen – auch, dass der Holocaust übertrieben ist. Das Verbot ist Zensur.» Antworte in drei bis fünf Sätzen: Warum ist Holocaustleugnung keine Meinung, und warum verbieten Liechtenstein, die Schweiz, Österreich und Deutschland sie trotz Meinungsfreiheit?
Tipp anzeigen
Unterscheide Meinung (eine Bewertung, über die man streiten kann) und Tatsachenbehauptung (etwas, das wahr oder falsch ist). Der Holocaust ist durch Dokumente, Täteraussagen, Zeugen und Lager bewiesen. Was tut die Leugnung den Überlebenden und ihren Familien an? Was schreibt der Text oben darüber, wozu sie dient? Und: Was bedeutete Zensur in einer Diktatur – vorher prüfen, was gesagt werden darf – im Unterschied zu einer Strafe, die erst nachträglich auf eine Äusserung folgt?
(Erweitert) Plane eine Recherche zu einem Erinnerungsort in deiner Nähe – einem Stolperstein in Vaduz, in der Schweiz oder in Vorarlberg, dem Jüdischen Museum Hohenems, einem Flüchtlingsschicksal an der Liechtensteiner Grenze 1938 oder einem Bericht der Liechtensteiner Historikerkommission. Schreibe in fünf bis acht Sätzen: Welche Leitfrage stellst du? Welche drei Quellen würdest du nutzen (Archiv, Gedenkstätte, Datenbank, Zeitzeugenbericht, Zeitung)? Wie prüfst du, ob eine Quelle verlässlich ist? Und wie würdest du das Ergebnis der Klasse präsentieren?
Tipp anzeigen
Eine gute Leitfrage ist konkret: «Was geschah mit der Familie X aus Y?» statt «Wie war der Nationalsozialismus?». Zur Verlässlichkeit: Wer hat die Quelle wann und warum erstellt? Stimmt sie mit anderen Quellen überein? (Die vier Prüffragen kennst du aus «Jugend im NS-Staat – und der Film «Napola»»: Wer berichtet? Wann wurde es aufgeschrieben? Warum wurde es veröffentlicht? Was sagt die Forschung heute dazu?)