Lehrplan: Liechtenstein (Liechtensteiner Lehrplan (LiLe)): Räume, Zeiten, Gesellschaften, Stufe 9 · Schweiz (Lehrplan 21): Räume, Zeiten, Gesellschaften, Stufe 9 · Deutschland (Lehrplan Deutschland): Geschichte, Klasse 9
Jugend im NS-Staat – und der Film «Napola»
Lagerfeuer, Uniform, Gemeinschaft – und Drill, Gehorsam, Krieg. Du lernst, wie der NS-Staat Jugendliche über HJ, DJ, BDM und JM erfasste, welche Erziehungsziele er für Jungen und Mädchen hatte, was Eliteschulen wie die «Napola» sollten und wie Jugendliche sich anpassten oder widersetzten. Den Film «Napola» ordnest du als Fiktion vor historischem Hintergrund ein.
Das lernst du hier
- Ich kann erklären, wie der NS-Staat die Jugend gleichschaltete (HJ-Gesetz 1936, Jugenddienstpflicht 1939) und welchen Lebensweg er für Jungen und Mädchen vorsah.
- Ich kann beschreiben, was die Hitlerjugend für Jugendliche anziehend machte und was sie zugleich von ihnen verlangte.
- Ich kann die Erziehungsziele des NS-Staats für Jungen und Mädchen nennen und an Schule, Lied und «Mutterkreuz» erkennen.
- Ich kann erklären, was die Eliteschulen «Napola» und Adolf-Hitler-Schulen sollten, und den Film «Napola» als Fiktion vor historischem Hintergrund einordnen.
- Ich kann Beispiele unangepasster und widerständiger Jugendlicher nennen (Edelweisspiraten, Swing-Jugend, Helmuth Hübener) und sagen, was ihnen drohte.
- (Erweitert) Ich kann die Weisse Rose als Beispiel studentischen Widerstands einordnen.
- (Erweitert) Ich kann begründen, warum Rauschnings «Gespräche mit Hitler» keine verlässliche Quelle sind.
Liechtensteiner Lehrplan (LiLe): RZG.6.3 (Die Schülerinnen und Schüler können ausgewählte Phänomene der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts analysieren und deren Relevanz für heute erklären.), RZG.7.2 (Die Schülerinnen und Schüler können Geschichte zur Bildung und Unterhaltung nutzen.)
Stell dir vor, du bist 14 – im Jahr 1936
Du bist 14, es ist 1936, und dein Nachmittag gehört nicht dir. Zweimal in der Woche ist «Dienst»: Heimabend mit Schulung, Sport auf dem Platz, am Wochenende Geländespiel oder Zeltlager. Du trägst Uniform wie fast alle in deiner Klasse. Wer nicht hingeht, fällt auf – und die Eltern bekommen Ärger. Aber ehrlich: Das Lagerfeuer, die Fahrten, das Gefühl, zu etwas Grossem zu gehören, gefallen dir auch. Und mit 16 darfst du vielleicht selbst eine Gruppe führen. Nicht alle dürfen dabei sein: Deine jüdische Banknachbarin aus der Grundschule ist ausgeschlossen – und das fällt dir vielleicht gar nicht mehr auf.
Genau diese Mischung macht das Thema dieses Moduls aus: Der NS-Staat wollte die Jugend nicht nur beherrschen, er wollte sie gewinnen – und formen. Du hast in «Wer ist wer? Partei, SA, SS, Gestapo und die Jugendorganisationen» die Jugendorganisationen HJ, DJ, BDM und JM kennengelernt und in «Weltbild und Werbung: Ideologie und Propaganda» gesehen, wie Propaganda funktioniert. Jetzt schaust du genauer hin: Wie wurde aus freiwilligem Mitmachen Pflicht? Was sollten aus Jungen und Mädchen werden? Was taten die Eliteschulen, die du aus dem Film «Napola» kennst? Und wer machte nicht mit – und was passierte mit ihm oder ihr?
Ein Hinweis vorweg: Wir sehen diese Zeit mit den Augen von Jugendlichen, die beobachten, mitmachen, zweifeln oder sich verweigern – nicht mit den Augen der Täter.
Der vorgezeichnete Weg: Vom Jungvolk zur Wehrmacht, vom Jungmädelbund zur Mutterrolle
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Eigene Darstellung, EveryCate, CC BY-SA 4.0
Textbeschreibung anzeigen
Titel: Vom Jungvolk zur Wehrmacht, vom Jungmädelbund zur Mutterrolle. Untertitel: Vier Stufen, vom Regime geplant; blau Jungen, grün Mädchen. Vier Stufen steigen von links nach rechts an, die Altersfelder sind durch Pfeile verbunden; jede Stufe hat ein Altersfeld, einen blauen Kasten für Jungen und einen grünen für Mädchen. Kernaussagen: 1. 10 bis 14 Jahre: Jungen im Deutschen Jungvolk (DJ), Pimpfe genannt, mit Heimabenden, Sport, Geländespielen und Fahrten; Mädchen im Jungmädelbund (JM) mit Heimabenden, Sport, Singen und Basteln. 2. 14 bis 18 Jahre: Jungen in der Hitlerjugend (HJ) mit Drill, Marschieren, Schiessen und Wehrertüchtigung; Mädchen im Bund Deutscher Mädel (BDM) mit Sport, Hauswirtschaft und Lagern, ab 17 im Werk Glaube und Schönheit. 3. Etwa 18 bis 19 Jahre: Jungen im Reichsarbeitsdienst (RAD), sechs Monate Pflicht mit Drill, eine Vorstufe zum Wehrdienst; Mädchen im Pflichtjahr und RAD mit Arbeit im Haushalt oder auf dem Hof. 4. Danach, ab etwa 19 Jahren: Jungen als Soldaten der Wehrmacht, opferbereit für Führer und Volk; Mädchen als deutsche Frau und Mutter mit Haushalt und vielen Kindern, später das Mutterkreuz, das es ab 1938 gab. 5. Merksatz unten: Das Regime wollte einen Weg ohne Abzweigung: Vom zehnten Lebensjahr an sollte der Lebenslauf vorgezeichnet sein, für Jungen zum Soldaten, für Mädchen zur Mutter.
Eine Jugend, ein Weg: Die Gleichschaltung der Jugend
Vor 1933 gab es in Deutschland Hunderte Jugendverbände: Pfadfinder, Wandervögel, kirchliche Jugend, Arbeiterjugend, Sportvereine. Innerhalb weniger Monate nach der Machtübernahme wurden sie verboten oder in die Hitlerjugend «eingegliedert»; ihre Heime, Zeltplätze und Kassen übernahm die HJ. Nur die katholische Jugend konnte sich – geschützt durch einen Vertrag des Regimes mit dem Vatikan – noch einige Jahre halten, unter wachsendem Druck.
Den Rest erledigten ein Gesetz und eine Verordnung:
«Die gesamte deutsche Jugend ist ausser in Elternhaus und Schule in der Hitler-Jugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen.»
— Gesetz über die Hitler-Jugend, 1. Dezember 1936, § 2
Damit wurde die HJ zur Staatsjugend: Neben Elternhaus und Schule stand jetzt eine dritte Erziehungsmacht – die Hitlerjugend selbst, die Jugendorganisation der Partei mit staatlichem Auftrag. Ihr Chef war bis 1940 der Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Was «Volksgemeinschaft» in der NS-Sprache bedeutete, weisst du aus «Weltbild und Werbung: Ideologie und Propaganda»: eine Gemeinschaft, aus der viele ausgeschlossen blieben – jüdische Jugendliche durften nicht Mitglied sein.
Bis Anfang 1939 war die Zahl der Mitglieder in HJ, DJ, BDM und JM auf rund 8,7 Millionen gestiegen – fast alle Jugendlichen. Im März 1939 folgte die Jugenddienstpflicht (eine Verordnung zum Gesetz von 1936): Ab dem zehnten Lebensjahr war die Mitgliedschaft Pflicht, Eltern, die ihre Kinder fernhielten, konnten bestraft werden. Das Schaubild zeigt den Weg, den das Regime von da an für jeden Jungen und jedes Mädchen vorgesehen hatte: vom Jungvolk über die HJ und den Arbeitsdienst in die Wehrmacht, vom Jungmädelbund über den BDM in die Rolle der «deutschen Frau und Mutter».
Merke: «Gleichschaltung der Jugend» heisst: Unabhängige Jugendverbände wurden verboten oder in die HJ eingegliedert. Treffen, Wandern und Singen sollte es nur noch unter Aufsicht des Regimes geben. Wer sich trotzdem eigene Wege suchte, riskierte Verfolgung – davon erzählt dieses Modul weiter unten.
Lagerfeuer und Drill: Warum die HJ anzog – und was sie verlangte
Warum machten so viele Jugendliche begeistert mit? Die Hitlerjugend bot Dinge, die Jugendliche damals wie heute suchen – und verlangte dafür einen hohen Preis:
| Was anzog | Was dahintersteckte |
|---|---|
| Lager, Fahrten, Zeltnächte – raus aus der Enge der Familie, Abenteuer | Gewöhnung an Befehl und Gehorsam, an Marschieren und Härte |
| Sport, Wettkämpfe, Geländespiele | «Wehrertüchtigung» (NS-Wort für militärisches Training von Jugendlichen): Vorbereitung auf den Krieg, ab 16 Schiessübungen |
| Gemeinschaft, Uniform, Fahne – dazugehören, gleich sein | Kontrolle: Wer fehlt, wird gemeldet; jeder Dienst wird in einem Heft festgehalten |
| Verantwortung – «Jugend führt Jugend»: 16-Jährige führen 12-Jährige | Druck nach unten weitergeben; Strafen durch Gleichaltrige |
| Ernst genommen werden – ihr seid die Zukunft, hiess es | Indoktrination (Beeinflussung, die keinen Widerspruch zulässt): Heimabende mit «Rassenlehre», Führerkult, Feindbildern |
| Eigene Zeit unter Gleichaltrigen – Wochenenden und Heimabende ohne Eltern | Zugriff auf die Familie: Die Partei erzieht neben dem Elternhaus; wer sein Kind fernhält, gilt als verdächtig, ab 1939 drohen Strafen |
«Jugend führt Jugend» war ein kluger Trick: Die Führerinnen und Führer der Gruppen waren selbst Jugendliche – das fühlte sich an wie Selbstbestimmung, war aber das Gegenteil, denn Befehle kamen von oben und wurden nach unten durchgereicht. Und die Begeisterung war echt: Viele erinnerten sich später an die Fahrten als schönste Zeit ihrer Jugend – und erkannten erst viel später, wofür sie trainiert worden waren.
Merke: Die HJ war beides zugleich: ein Angebot, das Jugendliche wirklich anzog, und ein Instrument, das sie für Krieg und Gehorsam formte. Wer nur das eine sieht, versteht nicht, warum sie funktionierte.
«Hart wie Kruppstahl» – die Erziehungsziele
Was sollte aus den Jugendlichen werden? Hitler selbst sagte es den Jungen der HJ auf dem Reichsparteitag 1935 ins Gesicht:
«… schlank und rank, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.»
— Adolf Hitler, Rede vor der Hitlerjugend, Reichsparteitag Nürnberg, September 1935
Zur Einordnung: Hitler sprach hier als Parteiführer und Reichskanzler zu angetretenen HJ-Einheiten; «Kruppstahl» meint den Stahl der Firma Krupp in Essen, aus dem auch Kanonen gebaut wurden. Dein Auftrag: Lies das Zitat genau. Welche Eigenschaften nennt Hitler – und welche kommen gar nicht vor (Kopf, Herz, eigenes Urteil)? Notiere dir eine Antwort; in der Vertiefung am Ende des Moduls (Aufgabe 2) brauchst du sie.
Jungen
Hart, gehorsam, opferbereit – Soldaten. Die HJ war Vorschule der Wehrmacht: Marschieren, Geländespiele, Kleinkaliberschiessen, Mutproben. Wer weinte, galt als weich; wer fragte, galt als frech. Die Jungen des Jungvolks (10 bis 14) hiessen «Pimpfe»; schon die Aufnahme verlangte eine «Pimpfenprobe» mit Sport, Marsch und dem Aufsagen von Parteiwissen.
Mädchen
Gesund, gehorsam, Hausfrau und Mutter vieler Kinder. Der BDM bot Sport und Lager, aber sein Ziel war die «deutsche Frau und Mutter»: Hauswirtschaft, Säuglingspflege, Volkstanz, Handarbeit. Ab 1938 gab es das «Mutterkreuz» (amtlich: Ehrenkreuz der Deutschen Mutter) – ein Orden für Frauen mit vielen Kindern: Bronze ab vier, Silber ab sechs, Gold ab acht Kindern. HJ-Jungen sollten Trägerinnen des Mutterkreuzes grüssen. Dahinter stand die «Rassenlehre»: Mehr «arische» Kinder sollten das Volk «stark» machen – und künftige Soldaten liefern. Berufe für Frauen galten nur als Übergang bis zur Ehe.
Schule
Auch die Schule wurde gleichgeschaltet. Ab 1933 stand «Vererbungslehre und Rassenkunde» auf dem Lehrplan: Im Unterricht wurde die pseudowissenschaftliche «Rassenlehre» als gesichertes Wissen vermittelt (mehr dazu in «Weltbild und Werbung: Ideologie und Propaganda»). Rechenaufgaben rechneten mit Soldaten und «Erbkranken», der Geschichtsunterricht führte auf den «Führer» hin. Die Lehrkräfte waren fast alle im NS-Lehrerbund organisiert; jüdische Lehrerinnen und Lehrer wurden schon 1933 entlassen, jüdische Schülerinnen und Schüler nach und nach aus den Schulen gedrängt. Der Tag begann mit Hitlergruss und Fahnenappell.
Merke: Jungen → Soldat, Mädchen → Mutter. Beides diente demselben Ziel: dem Krieg.
Die Erziehungsziele im Überblick
Ziehe die passenden Begriffe in die Lücken (am Handy: erst Wort antippen, dann Lücke). Achtung: Drei Wörter in der Auswahl passen nirgends.
Tippe zuerst ein Wort an und dann die Lücke, in die es gehört. Antippen einer gefüllten Lücke legt das Wort zurück.
Ein Gesetz von machte die Jugendorganisation der Partei zur Staatsjugend; ab war die Mitgliedschaft Pflicht. Neben Elternhaus und Schule wurde die zur dritten Erziehungsmacht. Jungen sollten hart, gehorsam und opferbereit werden – kurz: . Mädchen sollten gesund und gehorsam sein und vor allem vieler Kinder werden; dafür gab es ab 1938 das . In der Schule stand ab 1933 das Fach auf dem Lehrplan, und jüdische Lehrkräfte wurden .
Ein Lied für die Fahne: Was Jugendliche singen mussten
Zur HJ gehörte das Singen – beim Marschieren, am Lagerfeuer, im Heimabend. Das bekannteste Lied war das HJ-Fahnenlied von 1933. Den Text schrieb der Reichsjugendführer Baldur von Schirach selbst, die Melodie stammt aus einem Propagandafilm desselben Jahres, in dem ein Hitlerjunge für die «Bewegung» (so nannten die Nationalsozialisten ihre Partei) stirbt. Wir geben den Text hier nicht wieder – er ist bis heute urheberrechtlich geschützt, und er verherrlicht den Tod. Wir beschreiben ihn:
- Das Lied hat den Rhythmus eines Marsches; es wird im Gleichschritt gesungen, die Zeilen sind kurz und leicht zu brüllen.
- Im Mittelpunkt steht die Fahne, die vorangetragen wird. Die Jugend soll ihr bedingungslos folgen.
- Die Jugendlichen werden als künftige Soldaten angesprochen, die bereit sind, für Führer und Deutschland zu kämpfen.
- Die Kernaussage des Refrains: Die Fahne ist mehr wert als das eigene Leben – der Tod für sie wird als Ehre dargestellt.
Stell dir vor, 200 Vierzehnjährige singen das im Gleichschritt, mit Trommeln, abends im Lager. Genau darum ging es: Ein Lied, das man hundertmal gesungen hat, denkt man nicht mehr – man fühlt es. So wurde die Bereitschaft zu sterben zu einem Gefühl von Gemeinschaft gemacht, lange bevor jemand wirklich an die Front musste. Den Analyseauftrag dazu findest du am Ende des Moduls (Vertiefung, Aufgabe 2).
Eliteschulen: Napola und Adolf-Hitler-Schulen
Für die «Besten» hatte das Regime eigene Schulen:
- Nationalpolitische Erziehungsanstalten (NPEA), von allen nur «Napola» genannt: staatliche Internate, die ersten drei ab April 1933 in ehemaligen preussischen Kadettenanstalten (Militärinternaten, in denen früher der Offiziersnachwuchs ausgebildet wurde), ab 1936 unter zunehmendem Einfluss der SS. Bis 1945 gab es rund 40 davon im Deutschen Reich und in besetzten Gebieten, darunter wenige für Mädchen. Ziel: die künftige Führungselite in Staat, Partei und Militär.
- Adolf-Hitler-Schulen (AHS), ab 1937, geführt von der Partei und der HJ: Internate für Jungen ab 12, Aufnahme über die HJ, ohne Schulgeld.
Aufgenommen wurde, wer die Auslese bestand: «rassische» Kriterien (Abstammungsnachweis, Aussehen), körperliche Leistung (Sport, Mutproben), Gehorsam und «Charakter». Herkunft und Geld spielten eine geringere Rolle als an alten Elitegymnasien – das Schulgeld der Napola richtete sich nach dem Einkommen der Eltern, auch Arbeitersöhne konnten aufgenommen werden. Das war Teil des Versprechens der «Volksgemeinschaft».
Der Alltag: militärischer Drill, Fahnenappell, Sport in jeder Form – Boxen gehörte dazu, weil es «Härte» beweisen sollte –, Geländeübungen, Segelfliegen, Reiten, dazu Unterricht nach festem Lehrplan in Uniform, mit viel «Rassenkunde». Die Schüler lebten in «Zügen» und «Hundertschaften» wie Soldaten, Ältere kommandierten Jüngere. Im Krieg wurden die Napolas zunehmend zu Nachwuchsschulen für Wehrmacht und Waffen-SS: Ältere Schüler wurden immer früher eingezogen, viele meldeten sich selbst als Offiziersanwärter – und viele von ihnen fielen.
Merke: Die Eliteschulen waren das Modell dessen, was die HJ im Kleinen überall versuchte – nur mit mehr Zeit, mehr Drill und ohne Elternhaus.
Der Film «Napola» (2004): Fiktion vor historischem Hintergrund
Du hast den Film «Napola – Elite für den Führer» (Deutschland 2004, Regie: Dennis Gansel) gesehen. Er erzählt von Friedrich, einem Arbeiterjungen aus Berlin, der wegen seines Boxtalents 1942 an eine Napola kommt, und von Albrecht, dem Sohn eines hohen Parteifunktionärs, mit dem er sich anfreundet.
Bevor du den Film als Geschichtsquelle benutzt, musst du wissen, was er ist: ein Spielfilm, also eine Darstellung – keine Quelle aus der Zeit. Die Figuren Friedrich und Albrecht sind erfunden, ihre Geschichte ist ausgedacht und auf wenige Wochen zugespitzt, damit sie in zwei Stunden passt und uns berührt. Für die Frage «Wie war es 1942 wirklich?» ist der Film keine Quelle. Für die Frage «Wie erzählt Deutschland im Jahr 2004 vom Nationalsozialismus?» ist er dagegen eine ausgezeichnete Quelle.
Was im Film zu den historischen Fakten passt:
- die Auslese nach körperlichen und «rassischen» Kriterien,
- Boxen, Drill, Mutproben und Gehorsam als Erziehungsmittel,
- die Hierarchie unter den Schülern: Ältere kommandierten Jüngere,
- dass auch Arbeitersöhne aufgenommen werden konnten – neben Söhnen hoher Funktionäre,
- der Einsatz von Schülern bei der Suche nach geflohenen Gefangenen – als Szene erfunden, aber an reale Verbrechen angelehnt: Gegen Kriegsende wurden Hitlerjungen und Schüler tatsächlich bei Fahndungen und als Wachpersonal eingesetzt.
Was erfunden oder dramatisiert ist: die beiden Hauptfiguren und ihre persönliche Geschichte, einzelne Lehrer und Dialoge, die Zuspitzung vieler Ereignisse auf wenige Wochen – und die Deutung, wie einsam die Jungen unter dem Druck wurden. Das ist kein Fehler des Films – so funktioniert Kino. Wichtig ist nur, dass du beides auseinanderhältst.
Merke: Ein Spielfilm zeigt dir, wie Menschen sich eine Zeit vorstellen – nicht, wie sie war. Prüfe jede Filmaussage an Quellen und Fachtexten, bevor du sie als Tatsache übernimmst.
Film oder Fakt?
Ordne jede Aussage ein: Ist sie historisch belegt, oder ist sie erfunden (im Film dazugedichtet oder gar nicht so gewesen)? Entscheide nur mit den Texten dieses Moduls. Sechs Aussagen sind belegt, drei erfunden.
Tippe zuerst ein Wort an und dann die Lücke, in die es gehört. Antippen einer gefüllten Lücke legt das Wort zurück.
Es gab staatliche Internate namens Nationalpolitische Erziehungsanstalten, die eine künftige Führungselite ausbilden sollten. Die Hauptfiguren Friedrich und Albrecht haben wirklich an einer Napola gelebt. Bewerber wurden nach «rassischen» und körperlichen Kriterien ausgewählt; Mutproben gehörten dazu. Boxen, Drill und Geländeübungen gehörten zum Alltag der Eliteschulen. Die Napola-Schüler trugen keine Uniform und konnten ihre Fächer frei wählen. Auch Söhne aus einfachen Verhältnissen konnten aufgenommen werden – das Schulgeld richtete sich nach dem Einkommen der Eltern. Bis 1945 gab es rund 40 solcher Anstalten. Die Napolas wurden von der Hitlerjugend geleitet, nicht vom Staat. Viele Absolventen gingen als Offiziersanwärter zur Wehrmacht, und viele fielen im Krieg.
Den Film einordnen
Deine Antworten gehen an deine Lehrperson. Aufgaben 1 und 2 sind für alle gedacht, Aufgabe 3 ist als (Erweitert) gekennzeichnet. Gib Filmszenen nicht als «historische Tatsachen» aus – prüfe sie an den Texten dieses Moduls.
Erkläre in eigenen Worten – so merkst du am besten, was du schon verstanden hast.
Deine Antworten werden auf diesem Gerät gespeichert und gehen mit deinem nächsten Fortschritts-Report an die Lehrperson.
Nenne zwei Dinge aus dem Film, die zu den historischen Fakten über die Napola passen, und eines, das erfunden oder dramatisiert ist. Begründe kurz (zwei bis vier Sätze).
Tipp anzeigen
Vergleiche mit dem Abschnitt «Eliteschulen»: Auslese, Boxen, Drill, Hierarchie sind belegt – die Personen und ihre Geschichte nicht.
Vergleiche Friedrich und Albrecht: Wie zeigt der Film, dass sich einer an das System anpasst und der andere sich verweigert? Beschreibe in drei bis fünf Sätzen, was jede dieser Entscheidungen kostet – aus Sicht der beiden Jugendlichen, nicht aus Sicht der Erzieher.
Tipp anzeigen
Achte auf die Momente, in denen die Figuren zwischen Dazugehören und Gewissen entscheiden müssen. Was gewinnt man durch Anpassung, was verliert man? Und umgekehrt?
(Erweitert) Warum erzählen Spielfilme Geschichte fast immer über ein oder zwei Einzelschicksale statt über Zahlen, Gesetze und Strukturen? Nenne in drei bis fünf Sätzen zwei Vorteile und einen Nachteil dieser Erzählweise – und erkläre, warum ein Film eine Darstellung und keine Quelle für 1942 ist.
Tipp anzeigen
Denk daran, was dich im Film berührt hat – und was du über die Napola erst aus den Texten dieses Moduls erfahren hast.
Nicht alle machten mit: Edelweisspiraten, Swing-Jugend, Helmuth Hübener
Trotz Gesetz und Druck gab es Jugendliche, die sich nicht fügten – von kleiner Verweigerung bis zu offenem Widerstand. Das Regime ging gegen sie vor – vom Druck auf die Eltern und Strafen bis zu Verhaftung, Jugend-Konzentrationslager (kurz: Jugend-KZ) und Todesurteil.
Edelweisspiraten
Im Rheinland und Ruhrgebiet, besonders in Köln, trafen sich ab Ende der 1930er-Jahre Gruppen von Lehrlingen und jungen Arbeiterinnen und Arbeitern, die der HJ fernblieben: Sie trugen ein Edelweiss an der Jacke, machten eigene Wanderungen und Zeltfahrten, sangen eigene Lieder mit spöttischen Texten und lieferten sich Schlägereien mit dem HJ-Streifendienst, einer HJ-Einheit, die Jugendliche kontrollierte. Im Krieg halfen manche Gruppen Deserteuren (Soldaten, die aus der Wehrmacht geflohen waren) und Zwangsarbeitern (Menschen aus besetzten Ländern, die in Deutschland arbeiten mussten). Die Gestapo sah in ihnen «Banden». Im November 1944 wurden in Köln-Ehrenfeld 13 Menschen öffentlich gehängt, ohne Gerichtsverfahren, darunter Jugendliche aus diesem Umfeld – einer von ihnen war der 16-jährige Lehrling Bartholomäus Schink.
Swing-Jugend
In Hamburg und anderen Grossstädten trafen sich Jugendliche aus meist bürgerlichen Familien, um Jazz und Swing zu hören und zu tanzen – Musik, die das Regime als «undeutsch» und «entartet» ablehnte und zunehmend verbot. Beides sind NS-Wörter: «undeutsch» hiess «nicht zum deutschen Volk passend», «entartet» bedeutete angeblich «verdorben» – das Regime wertete damit alles ab, was nicht in sein Weltbild passte. Die Swing-Jugend trug lange Haare, englische Mode und Schirme bei Sonnenschein und sprach sich mit englischen Namen an. Das war keine Politik, aber eine Weigerung, sich einfügen zu lassen – und das genügte: Ab 1941 wurden in Hamburg Hunderte verhaftet, manche kamen in die Jugend-KZ Moringen (für Jungen) und Uckermark (für Mädchen).
Helmuth Hübener
Helmuth Hübener aus Hamburg war 16, als er 1941 begann, nachts heimlich die BBC zu hören – den verbotenen britischen Sender. Mit zwei Freunden tippte er die Nachrichten auf Flugblätter und verteilte sie in Briefkästen und Telefonzellen: Berichte über den wahren Kriegsverlauf, die die deutsche Propaganda verschwieg. Im Februar 1942 wurde er verraten und verhaftet. Der Volksgerichtshof – ein Sondergericht des Regimes für politische Verfahren, in dem es keine faire Verteidigung gab – verurteilte ihn zum Tod; am 27. Oktober 1942 wurde er hingerichtet, mit 17 Jahren einer der jüngsten Menschen, die dieses Gericht zum Tod verurteilte.
(Erweitert) Die Weisse Rose: In München verteilten Studierende um Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und den Professor Kurt Huber 1942/43 Flugblätter gegen das Regime und den Krieg. Im Februar 1943 wurden die Geschwister Scholl beim Auslegen von Flugblättern in der Universität entdeckt; vier Tage später wurden sie und Christoph Probst hingerichtet, später auch die anderen. Ihre Flugblätter gehören heute zu den bekanntesten Texten des deutschen Widerstands.
Merke: Es gab viele Formen des Neinsagens – vom Fernbleiben über eigene Musik bis zum Flugblatt. Das Regime reagierte je nach Stufe unterschiedlich hart: mit Strafen für die Eltern, mit Verhaftung und Jugend-KZ, bei offenem Widerstand bis zur Hinrichtung.
Wer oder was war das?
Ordne jede Beschreibung der passenden Gruppe, Person oder Einrichtung zu. Tippe links und rechts je ein Element an.
Tippe ein Element links und eines rechts an, um ein Paar zu bilden – mit welcher Seite du beginnst, ist egal. Nochmaliges Antippen wählt ab; Antippen eines verbundenen Elements löst das Paar wieder.
Zusatz (optional): Video «Jugend im Nationalsozialismus» (13:56)
Dieses Video von MrWissen2go Geschichte (Terra X, ZDF) ist ein freiwilliges Zusatzangebot – alles, was du für die Aufgaben brauchst, steht in den Texten dieses Moduls. Wenn du es schaust (Internet nötig, startet erst nach deinem Klick), achte auf zwei Leitfragen: (1) Welche Gründe nennt das Video dafür, dass viele Jugendliche die Zeit in HJ und BDM als schön erlebten – und was lief dabei «unterschwellig» ab? (2) Welche Formen von Widerstand kommen vor, und was drohte den Jugendlichen?
Transkript anzeigen
Zusammenfassung des Videos «Jugend im Nationalsozialismus» (MrWissen2go Geschichte | Terra X, 13:56): Das Video fragt, wie eine Jugend in der NS-Diktatur aussah. Die ganze Gesellschaft sollte gleichgeschaltet werden, auch die Jugend; dafür setzten die Nationalsozialisten auf eigene Verbände, die Hitlerjugend und den Bund Deutscher Mädel. Dort wurden Kinder und Jugendliche nicht nur erzogen, sondern auf ihre Zukunft als Soldaten vorbereitet; sie sollten nicht der Familie, sondern dem Führer und der «Volksgemeinschaft» treu sein und bereit sein, für die Ideale der Nationalsozialisten zu kämpfen und zu sterben. Mädchen wurden zum Dienst für den Führer erzogen, sollten die Soldaten unterstützen und Kinder bekommen. Für viele war diese Zeit eine schöne Zeit; die Beeinflussung wirkte unterschwellig. Das Video zeigt aber auch, dass es Jugendliche gab, die sich nicht anpassen wollten und Widerstand leisteten – und was ihnen drohte.
Quellenkritik: Was Hitler angeblich über Erziehung sagte (Erweitert)
In vielen Büchern und im Internet findest du ein berühmtes Zitat, in dem Hitler angeblich beschreibt, welche «gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend» er sich wünsche. Es passt perfekt zu allem, was du in diesem Modul gelernt hast – und genau deshalb solltest du misstrauisch werden.
Das Zitat stammt aus dem Buch «Gespräche mit Hitler» von Hermann Rauschning, erschienen 1939/40 im Exil. Rauschning war ein früherer Nationalsozialist aus Danzig, der sich vom Regime abgewandt hatte und behauptete, viele vertrauliche Gespräche mit Hitler geführt zu haben. Mit seinem Buch wollte er die Welt vor Hitler warnen – eine verständliche Absicht, aber noch kein Beweis, dass die Gespräche so stattgefunden haben. Das Buch wurde ein Welterfolg – es sagte den Lesern, was sie über Hitler erwarteten.
Seit den 1980er-Jahren hat die Forschung das Buch gründlich geprüft, und das Ergebnis ist eindeutig: Rauschning hatte Hitler nur wenige Male kurz getroffen. Die langen «Gespräche» sind nachträglich konstruiert – zusammengesetzt aus Zeitungsberichten, «Mein Kampf», Hitlers Reden und Rauschnings eigenen Vorstellungen, manches ist frei erfunden. Historikerinnen und Historiker benutzen das Buch deshalb nicht mehr als Quelle für Hitlers Worte. Dass das Erziehungszitat trotzdem überall steht, zeigt, wie zäh sich eine gute Geschichte hält – auch wenn sie nicht belegt ist.
Für dich heisst das, bei jedem Zitat zu fragen:
- Wer berichtet – und war die Person wirklich dabei?
- Wann wurde es aufgeschrieben – sofort oder Jahre später?
- Warum wurde es veröffentlicht – welche Absicht hatte der Autor?
- Was sagt die Forschung heute dazu?
Das Zitat aus «Mein Kampf» im Erweitert-Teil von «Weltbild und Werbung: Ideologie und Propaganda» besteht die Fragen 1, 2 und 4: Hitler hat es selbst geschrieben und 1925 veröffentlicht, und der Wortlaut ist durch die Forschung gesichert – es ist also ein echter Beleg dafür, was Hitler öffentlich vertrat. Frage 3 gilt trotzdem auch für ihn: «Mein Kampf» war eine Programm- und Werbeschrift, also muss man auch dort fragen, was Hitler mit seinen Worten erreichen wollte. Das Rauschning-Zitat besteht dagegen schon die erste Frage nicht. Echt ist nur das eine – und selbst echte Quellen liest man mit Verstand.
Vertiefung: Tagebuch, Lied und Quelle
Deine Antworten gehen an deine Lehrperson. Aufgaben 1 und 2 sind für alle gedacht, die Aufgaben 3 und 4 sind als (Erweitert) gekennzeichnet.
Deine Antworten werden auf diesem Gerät gespeichert und gehen mit deinem nächsten Fortschritts-Report an die Lehrperson.
Schreibe einen kurzen Tagebucheintrag (zwei bis fünf Sätze) eines 15-jährigen Mädchens im Jahr 1939, das im BDM ist. Sie beschreibt einen Heimabend, bei dem es um die «Aufgaben der deutschen Frau» ging – und fragt sich, ob sie das wirklich will. Schreibe als Beobachterin und Zeitgenossin, nicht als Täterin.
Tipp anzeigen
Was hat das Mädchen gehört (Hausfrau, Mutter vieler Kinder, Beruf nur bis zur Ehe)? Was mag sie am BDM vielleicht trotzdem (Freundinnen, Sport, Lager)? Und welche eigenen Wünsche passen nicht ins Bild?
Das Kruppstahl-Zitat nennt nur Körper und Härte, das HJ-Fahnenlied stellt den Tod für die Fahne als Ehre dar. Erkläre in zwei bis vier Sätzen, warum ein Regime, das einen Krieg vorbereitet, Jugendliche genau das hören und singen lässt – und welche Rolle das gemeinsame Singen dabei spielte.
Tipp anzeigen
Was muss ein Soldat bereit sein zu tun? Welche Eigenschaften fehlen im Zitat? Und was passiert mit einem Gedanken, den man hundertmal gemeinsam gesungen hat – denkt man ihn noch, oder fühlt man ihn?
(Erweitert) Erkläre in drei bis fünf Sätzen, warum Rauschnings «Gespräche mit Hitler» nicht als Quelle für Hitlers Erziehungsziele taugen – und was man stattdessen als Quelle nehmen könnte.
Tipp anzeigen
Nutze die vier Prüffragen (Wer? Wann? Warum? Forschungsstand?). Welche Texte hat Hitler selbst geschrieben oder öffentlich gehalten?
(Erweitert) Ordne die Weisse Rose in die Formen des Neinsagens ein, die du in diesem Modul kennengelernt hast. Vergleiche sie in drei bis fünf Sätzen mit Helmuth Hübener: Was hatten beide gemeinsam, worin unterschieden sie sich (Alter, Ort, Mittel)?
Tipp anzeigen
Beide Gruppen verteilten Flugblätter – was stand darauf, und wer waren die Verfasser? Denk an Hamburg oder München und daran, ob es Jugendliche oder Studierende waren.
Selbstcheck: Jugend im NS-Staat
Frage 1 von 8Prüfe, ob du den Stoff verstanden hast. Du kannst das Quiz beliebig oft wiederholen – es zählt dein bestes Ergebnis.
Was bestimmte das Gesetz über die Hitlerjugend vom 1. Dezember 1936?