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RZGStufe 9ca. 90 Min.mittelLiechtensteiner Lehrplan (LiLe)

Lehrplan: Liechtenstein (Liechtensteiner Lehrplan (LiLe)): Räume, Zeiten, Gesellschaften, Stufe 9 · Schweiz (Lehrplan 21): Räume, Zeiten, Gesellschaften, Stufe 9 · Deutschland (Lehrplan Deutschland): Geschichte, Klasse 9

Weltbild und Werbung: Ideologie und Propaganda

Woran glaubten die Nationalsozialisten – und wie brachten sie Millionen dazu, mitzumachen? Du lernst die Bausteine der NS-Ideologie kennen, siehst, wie aus «Rassenlehre» Gesetze und Mord wurden, untersuchst den Propaganda-Apparat von Goebbels mit einem Analyseraster und fragst, warum so viele zustimmten, wegschauten oder profitierten.

Das lernst du hier

  • Ich kann erklären, was eine Ideologie ist, und die Bausteine der NS-Ideologie nennen.
  • Ich kann beschreiben, wie aus der «Rassenlehre» das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und die Mordaktion «T4» wurden.
  • Ich kann die wichtigsten Mittel der NS-Propaganda nennen und erklären, wie Goebbels' Ministerium den Alltag durchdrang.
  • Ich kann ein Propagandamittel mit dem Analyseraster untersuchen (Wer spricht? An wen? Welche Gefühle, Feindbilder, Vereinfachungen, Ziele?).
  • Ich kann Gründe nennen, warum viele Menschen nach 1933 zustimmten, mitmachten oder wegschauten.
  • (Erweitert) Ich kann Hitlers Propagandaprinzipien aus «Mein Kampf» analysieren und Propagandatechniken in heutigen Medien erkennen.

Liechtensteiner Lehrplan (LiLe): RZG.6.3 (Die Schülerinnen und Schüler können ausgewählte Phänomene der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts analysieren und deren Relevanz für heute erklären.), RZG.8.2 (Die Schülerinnen und Schüler können die Entwicklung, Bedeutung und Bedrohung der Menschenrechte erklären.)

Ein Weltbild, das alles erklärt

Stell dir eine Erklärung vor, die auf jede Frage eine Antwort hat: Warum gibt es Arbeitslose? Warum hat Deutschland den Krieg verloren? Warum streiten die Parteien? Warum ist dein Nachbar reicher als du? Und jedes Mal lautet die Antwort gleich. Genau so funktioniert eine Ideologie: ein geschlossenes Weltbild, das beansprucht, alles zu erklären, und das keinen Widerspruch duldet. Wer widerspricht, ist in diesem Weltbild nicht etwa anderer Meinung – er ist ein Feind oder ein Verblendeter.

Das ist der Unterschied zur Wissenschaft und zur Demokratie: Dort darf man Behauptungen prüfen, widerlegen und ändern. In einer Ideologie steht das Ergebnis fest, bevor man hingeschaut hat.

Die wichtigste Quelle der NS-Ideologie ist Hitlers Buch «Mein Kampf», das er nach seinem gescheiterten Umsturzversuch in München (November 1923) im Gefängnis schrieb; Band 1 erschien 1925, Band 2 1926. Es ist wirr und voller Hass – und es wurde nach 1933 zum meistverbreiteten Buch des Regimes: Standesämter schenkten es Brautpaaren zur Hochzeit. Wer es damals las, konnte wissen, was kommen würde. Heute gibt es eine wissenschaftliche Ausgabe mit Tausenden erklärenden Anmerkungen, damit niemand das Buch unkommentiert liest. Auch wir zitieren daraus nur kurz und mit Einordnung.

Die Bausteine der NS-Ideologie

Die NS-Ideologie war kein durchdachtes System, sondern eine Mischung aus Vorurteilen, Ängsten und Machtwünschen, die im 19. Jahrhundert schon im Umlauf waren. Hitler fügte sie zu einem Weltbild zusammen. Die Bausteine:

  1. «Rassenlehre». Die Nationalsozialisten behaupteten, die Menschheit zerfalle in «Rassen» von unterschiedlichem Wert. Die «Arier» – gemeint waren vor allem Deutsche und andere Nordeuropäer – seien die «Herrenrasse», berufen zu herrschen. Jüdinnen und Juden galten als «Gegenrasse», Sinti und Roma, Slawen und Menschen mit Behinderung als «minderwertig». Das war pseudowissenschaftlich: Es klang nach Biologie und wurde sogar an Schulen und Universitäten gelehrt, hatte aber keine wissenschaftliche Grundlage. Menschliche «Rassen» in diesem Sinn gibt es nicht.
  2. Antisemitismus. Der Hass auf Jüdinnen und Juden war der inhaltliche Kern des Weltbilds; er reichte bis zum Völkermord. Im Weltbild der Nationalsozialisten waren «die Juden» an allem schuld: an der Niederlage 1918, am Kapitalismus und zugleich am Kommunismus. Ein eigenes Modul dieser Reihe erklärt, woher dieser Hass kam und wohin er führte.
  3. «Lebensraum im Osten». Das deutsche Volk brauche mehr Land, und das liege im Osten – in Polen und der Sowjetunion. Die dortige Bevölkerung sollte vertrieben, versklavt oder getötet werden. Der Eroberungskrieg war von Anfang an Ziel, nicht Unfall.
  4. «Volksgemeinschaft». Alle Deutschen sollten eine Gemeinschaft ohne Klassen bilden – «Gemeinnutz vor Eigennutz», hiess die Parole. Das klang nach Zusammenhalt, bedeutete aber: Der Einzelne hat keine Rechte gegenüber dem Ganzen, und wer als «gemeinschaftsfremd» galt – Jüdinnen und Juden, politische Gegner, Menschen mit Behinderung und Menschen, die das Regime als «Asoziale» abstempelte (ein NS-Sammelwort für Wohnungslose, Bettler und alle, die nicht ins Bild der «Ordnung» passten) –, wurde ausgeschlossen. Das Wort «Volksgemeinschaft» gehört deshalb in Anführungszeichen: Es ist ein Begriff der Täter.
  5. Führerprinzip und Führerkult. Nicht Diskussion, sondern Befehl; nicht Wahl, sondern Gefolgschaft. Hitler wurde als unfehlbarer Retter inszeniert.
  6. Antikommunismus. Der «Bolschewismus» (NS-Wort für den Kommunismus, nach den Bolschewiki, der Partei Lenins in Russland) galt als Todfeind – und zugleich als «jüdisch». So verband sich der Antisemitismus mit der Angst vieler Bürgerlicher vor einer Revolution.
  7. Ablehnung von Demokratie und Menschenrechten. Parlamente, Parteien, Gleichheit vor dem Gesetz galten als Schwäche und als «undeutsch».
  8. Sozialdarwinismus. Die Nationalsozialisten übertrugen die Idee vom «Überleben des Stärkeren» auf Völker: Kampf und Krieg seien Naturgesetz, Mitleid mit den «Schwachen» ein Fehler. Das ist eine Umdeutung: Darwin beschrieb Anpassung in der Natur, nicht eine Politik des Stärkeren.

Das Schaubild zeigt dir die Bausteine im Überblick: Alle laufen im Führerprinzip und Führerkult zusammen – das hält das Weltbild zusammen, der Antisemitismus treibt es an.

Die Bausteine der NS-Ideologie

Eigene Darstellung, EveryCate, CC BY-SA 4.0

Textbeschreibung anzeigen

Titel: Die Bausteine der NS-Ideologie. Untertitel: Ein geschlossenes Weltbild, alle Bausteine laufen im Führerprinzip zusammen. In der Mitte steht ein orange gefülltes Oval mit Führerprinzip und Führerkult. Um das Oval liegen im Kreis sieben blaue Kästen, die mit Linien zur Mitte verbunden sind. Kernaussagen: 1. Rassenlehre: Menschen seien angeblich in höher- und minderwertige Rassen teilbar. 2. Antisemitismus: Jüdinnen und Juden als angebliche Gegenrasse und Feindbild. 3. Lebensraum im Osten: Eroberungskrieg gegen Osteuropa als Ziel. 4. Volksgemeinschaft: angeblich ohne Klassen, tatsächlich Ausschluss der sogenannten Gemeinschaftsfremden. 5. Antikommunismus: der Bolschewismus als Todfeind, Feindbild nach innen und aussen. 6. Ablehnung der Demokratie: Parlament, Parteien und Menschenrechte gelten als Schwäche. 7. Sozialdarwinismus: das Recht des Stärkeren, Krieg als Naturgesetz. 8. Merksatz unten: Eine Ideologie erklärt alles, duldet keinen Widerspruch, und die NS-Ideologie stellte Rasse und Führer über jedes Recht.

Die Bausteine zuordnen

Ziehe die passenden Begriffe in die Lücken (am Handy: erst Wort antippen, dann Lücke). Achtung: Drei Wörter in der Auswahl passen nirgends.

Tippe zuerst ein Wort an und dann die Lücke, in die es gehört. Antippen einer gefüllten Lücke legt das Wort zurück.

Die Nationalsozialisten behaupteten, die Menschheit zerfalle in «Rassen» von unterschiedlichem Wert; diese Behauptung nennt man . Im Osten Europas wollten sie durch Eroberungskrieg neuen gewinnen. Alle Deutschen sollten eine Gemeinschaft ohne Klassen bilden, die sogenannte – wer nicht dazugehörte, wurde ausgeschlossen. Befehle gehen von oben nach unten, Gehorsam von unten nach oben; das nennt man . Den «Bolschewismus» sahen sie als Todfeind: . Die Idee vom «Überleben des Stärkeren», auf Völker übertragen, heisst . Der Kern des Weltbilds war der Hass auf Jüdinnen und Juden, der .

Wenn Ideologie Gesetz wird: «Rassenhygiene»

Die «Rassenlehre» blieb nicht Theorie. Schon im ersten Jahr machte das Regime sie zum Gesetz – und zwar zuerst gegen Deutsche, die als «erbkrank» galten.

Das Gesetz von 1933

Am 14. Juli 1933 – am selben Tag wie das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien – beschloss die Regierung das «Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses». Es erlaubte, Menschen gegen ihren Willen unfruchtbar zu machen (Zwangssterilisation), wenn ein «Erbgesundheitsgericht» ihnen eine «Erbkrankheit» zuschrieb: etwa eine geistige Behinderung, Epilepsie, bestimmte psychische Erkrankungen oder «schweren Alkoholismus». Bis 1945 wurden rund 400 000 Menschen zwangssterilisiert. Das Regime nannte das «Rassenhygiene» – als ginge es um Sauberkeit.

Die Propaganda dazu

Die Propaganda bereitete den Boden, indem sie Menschen mit Behinderung als «Kostenfaktor» darstellte. Ein bekanntes Plakat der NS-Propaganda zeigte einen kräftigen jungen Mann, der auf seinen Schultern eine Stange trägt, an der zwei Menschen mit Behinderung hängen; die Überschrift sagte sinngemäss, der Gesunde trage diese Last mit, und darunter stand eine Rechnung, was ein «Erbkranker» den Staat angeblich bis zu seinem 60. Lebensjahr koste – eine fünfstellige Summe in Reichsmark. Sogar in Schulbüchern standen Rechenaufgaben dieser Art: Wie viele Wohnungen könnte man bauen, wenn man das Geld für die «Irrenanstalten» (so hiessen damals abwertend die psychiatrischen Kliniken) sparte? Menschen wurden so zu Zahlen gemacht.

Die Mordaktion «T4»

Mit Kriegsbeginn 1939 ging das Regime vom Unfruchtbarmachen zum Töten über. Unter dem Decknamen «T4» (nach der Berliner Adresse Tiergartenstrasse 4, wo die Planung sass) wurden Patientinnen und Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten in sechs Tötungsanstalten gebracht und ermordet. Das Regime nannte das «Euthanasie» (griechisch «schöner Tod») – ein Tarnwort für Mord. Bis August 1941 starben so rund 70 000 Menschen. Als Proteste laut wurden – am bekanntesten die Predigt des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen im August 1941 –, liess Hitler die zentrale Aktion offiziell stoppen; wie gross der Anteil dieser Proteste an der Entscheidung war, ist in der Forschung umstritten. Das Morden ging in den Anstalten jedoch heimlich weiter, durch Medikamente und Verhungernlassen; insgesamt wurden rund 200 000 Menschen und mehr ermordet. Die Täter und die Technik des Tötens wurden später in den Vernichtungslagern eingesetzt.

Ein Name hinter den Zahlen: Ernst Lossa

Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch mit Namen und Familie. Einer von ihnen war Ernst Lossa, geboren 1929 in Augsburg. Seine Familie gehörte zu den Jenischen, einer Minderheit mit traditionell fahrender Lebensweise, die der NS-Staat ebenfalls ausgrenzte. Nach dem Tod seiner Mutter kam Ernst in Heime; weil er sich nicht fügte, galt er den Behörden als «schwer erziehbar» und kam 1942 in die Anstalt Kaufbeuren-Irsee. Dort half er anderen Patientinnen und Patienten, versteckte Brot für sie und beobachtete, was mit ihnen geschah. Im August 1944 wurde er dort ermordet. Er war 14 Jahre alt.

Merke: Aus einer Behauptung über «Rassen» wurde zuerst ein Gesetz zur Zwangssterilisation und dann, im Krieg, ein Mordprogramm unter Geheimhaltung und Tarnnamen. Vorbereitet wurde beides in aller Öffentlichkeit – mit Plakaten und Rechenaufgaben.

Der Propaganda-Apparat

Eine Ideologie wirkt nur, wenn sie überall ankommt. Dafür schuf das Regime am 13. März 1933 ein eigenes Ministerium: das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels. Das Wort Propaganda bedeutet gezielte Beeinflussung von Meinungen und Gefühlen – im Unterschied zu Information, die Tatsachen weitergibt. Goebbels' Ministerium kontrollierte alles, was die Menschen sahen, hörten und lasen:

  • Rundfunk. Das Regime liess ein billiges Radio bauen, den «Volksempfänger» (Preis: 76 Reichsmark – gehobene Geräte kosteten 200 bis 400 Reichsmark). Die Parole: «Ganz Deutschland hört den Führer.» 1933 hatte rund ein Viertel der Haushalte ein Radio, 1941 etwa zwei Drittel; Hitlers Reden wurden zudem in Betrieben, Schulen und auf Plätzen über Lautsprecher übertragen. Ausländische Sender zu hören war ab 1939 verboten.
  • Presse. Zeitungen wurden verboten oder übernommen; das Schriftleitergesetz (1933) machte den Journalistenberuf zu einer staatlich geregelten «öffentlichen Aufgabe»: Wer nicht in der Berufsliste stand, durfte nicht schreiben, und Jüdinnen und Juden waren von diesem Beruf ausgeschlossen. Dazu kamen tägliche Anweisungen aus dem Propagandaministerium, was und wie die Zeitungen berichten sollten.
  • Film. Vor jedem Kinofilm lief die «Wochenschau» mit inszenierten Erfolgsmeldungen. Die Regisseurin Leni Riefenstahl drehte Filme über den Reichsparteitag («Triumph des Willens», 1935) und die Olympischen Spiele – technisch neu, inhaltlich reine Verherrlichung.
  • Plakate und Feste. Plakate mit einem Bild und einem Schlagwort hingen überall; der Kalender war voller NS-Feiertage: 30. Januar, Hitlers Geburtstag am 20. April, der 1. Mai, die Reichsparteitage in Nürnberg im September mit Hunderttausenden Teilnehmern, Fahnenmeer, Fackeln, Marschmusik und dem «Lichtdom» aus Flakscheinwerfern.
  • Alltag. Das Führerbild hing in Amtsstuben und Klassenzimmern. Der Hitlergruss («Heil Hitler!» mit erhobenem Arm) war ab 1933 für Beamte Pflicht und wurde zum allgegenwärtigen Treuebekenntnis – wer ihn verweigerte, fiel auf.
  • Olympische Spiele 1936 in Berlin. Für zwei Wochen zeigte sich das Regime der Welt als friedlich und weltoffen: Antijüdische Schilder («Juden unerwünscht») verschwanden vorübergehend, die Hetzzeitung «Der Stürmer» wurde aus den Schaukästen genommen. Viele ausländische Gäste fuhren beeindruckt nach Hause. Dass der afroamerikanische Sportler Jesse Owens vier Goldmedaillen gewann, widerlegte vor aller Augen die Behauptung von der «Herrenrasse» – das Publikum im Stadion feierte ihn trotzdem.

Merke: Propaganda war nicht nur Werbung für die NSDAP. Sie war ein Monopol: Es gab fast keine andere Stimme mehr, die man öffentlich hätte hören können.

Wie Propaganda funktioniert – in Hitlers eigenen Worten (Erweitert)

Hitler hat in «Mein Kampf» offen beschrieben, wie er Menschen beeinflussen wollte. Lies das Zitat als Quelle eines Täters – es verrät, was er von seinem Publikum hielt:

«Die Aufnahmefähigkeit der grossen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergesslichkeit gross. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig so lange zu verwerten, bis auch bestimmt der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag.»

— Adolf Hitler, «Mein Kampf», Band 1 (1925), Kapitel 6 «Kriegspropaganda»

Zwei Prinzipien stecken direkt in diesem Zitat, ein drittes formuliert Hitler an anderer Stelle desselben Kapitels. Alle drei hat das Regime ab 1933 angewendet:

  1. Wenige Schlagworte, endlos wiederholt (im Zitat). «Ein Volk, ein Reich, ein Führer» und «Volksgemeinschaft» sollten Zusammenhalt vortäuschen. Daneben stand der Hass: «Die Juden sind unser Unglück» – ein Satz aus dem Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, den die Hetzzeitung «Der Stürmer» als Motto auf jede Titelseite druckte. Immer dieselben Formeln, bis sie wie Wahrheiten klangen.
  2. Die Masse als Ziel (im Zitat). Nicht der Einzelne, der nachdenkt, sondern die Menge, die mitmarschiert.
  3. Gefühl statt Verstand (an anderer Stelle des Kapitels). Propaganda soll nicht überzeugen, sondern packen – mit Stolz, Angst, Hass, Hoffnung. Wenn das «Verständnis» der Masse angeblich klein ist, setzt man nicht auf Argumente, sondern auf Gefühle.

Beachte, wie Hitler über die Menschen spricht, die er gewinnen will: Ihr «Verständnis» sei klein, ihre «Vergesslichkeit» gross. Wer so denkt, will nicht informieren, sondern steuern. Das ist der Unterschied zwischen Propaganda und Argument: Ein Argument rechnet damit, dass du prüfst und widersprichst. Propaganda rechnet damit, dass du es nicht tust.

Werkzeugkasten: Propaganda analysieren

Mit sechs Fragen kannst du jedes Propagandamittel auseinandernehmen – ein Plakat von 1938 genauso wie ein Video von heute:

Merke – das Analyseraster:

  1. Wer spricht? (Absender: Partei, Ministerium, Verein, anonym?)
  2. An wen? (Zielgruppe: Jugendliche, Arbeiter, Frauen, das Ausland?)
  3. Welche Gefühle werden angesprochen? (Stolz, Angst, Wut, Zugehörigkeit, Mitleid?)
  4. Welche Feindbilder werden aufgebaut? (Wer ist «schuld»?)
  5. Welche Vereinfachung oder Lüge steckt darin? (Was wird weggelassen, verdreht, erfunden?)
  6. Welches Ziel verfolgt der Absender? (Was sollst du tun, glauben, unterlassen?)

Ein Beispiel, in Worten beschrieben (wir zeigen keine NS-Plakate): Vor der Volksabstimmung vom 10. April 1938, mit der das Regime den «Anschluss» Österreichs bestätigen liess (so nannten die Nationalsozialisten die erzwungene Einverleibung Österreichs), warb die NSDAP mit Plakaten, die die Losung «Ein Volk, ein Reich, ein Führer» in grossen Buchstaben zeigten – oft mit Hitlers Porträt, ernst in die Ferne blickend. Stell dir ein solches Plakat vor:

  • Wer spricht? Die NSDAP und das Propagandaministerium.
  • An wen? An alle Deutschen und Österreicher – als «ein Volk».
  • Gefühle? Stolz, Grösse, Zugehörigkeit; die Pose des Führers soll Entschlossenheit und Schutz ausstrahlen.
  • Feindbilder? Nicht ausdrücklich – aber wer nicht zu diesem «einen Volk» gehört, ist mitgemeint: ausgeschlossen.
  • Vereinfachung/Lüge? Drei Schlagworte ersetzen jede Diskussion. Dass Österreich unter Druck und Gewaltandrohung «angeschlossen» wurde und dass Zehntausende sofort verfolgt wurden, kommt nicht vor.
  • Ziel? Zustimmung ohne Nachdenken, Gefolgschaft, das Gefühl, auf der Seite der Sieger zu stehen.

Zuerst festigst du die Propagandamittel, dann wendest du das Raster selbst an.

Mittel und Wirkung

Welches Propagandamittel erzeugte welche Wirkung? Tippe links und rechts je ein Element an.

Tippe ein Element links und eines rechts an, um ein Paar zu bilden – mit welcher Seite du beginnst, ist egal. Nochmaliges Antippen wählt ab; Antippen eines verbundenen Elements löst das Paar wieder.

Propaganda analysieren

Wende das Analyseraster an. Deine Antworten gehen an deine Lehrperson. Aufgabe 1 ist für alle gedacht, Aufgabe 2 ist als (Erweitert) gekennzeichnet.

Erkläre in eigenen Worten – so merkst du am besten, was du schon verstanden hast.

Deine Antworten werden auf diesem Gerät gespeichert und gehen mit deinem nächsten Fortschritts-Report an die Lehrperson.

  1. Analysiere das oben beschriebene «Kostenfaktor»-Plakat der «Rassenhygiene» (der kräftige Mann mit den zwei Menschen auf der Stange und der Rechnung in Reichsmark). Beantworte die sechs Fragen des Rasters in je einem Satz.

    Tipp anzeigen

    Bei Frage 1 reicht «die NSDAP bzw. das Regime» – wer die Propaganda machte, steht im Text. Bei Frage 5 hilft dir die Frage: Kann man den Wert eines Menschen in Reichsmark angeben? Und wer entscheidet, was «Last» ist?

  2. (Erweitert) Lies das Zitat aus «Mein Kampf» noch einmal. Erkläre in drei bis fünf Sätzen, was es über Hitlers Bild von den Menschen verrät, die er gewinnen wollte – und warum dieses Menschenbild zu einer Diktatur passt.

    Tipp anzeigen

    Achte auf die Wörter «beschränkt», «klein» und «Vergesslichkeit». Wer so über Menschen denkt – will der sie mitentscheiden lassen?

Propaganda heute erkennen (Erweitert)

Die Technik hat sich geändert, die Prinzipien nicht. Was Goebbels mit Volksempfänger und Plakat machte, lässt sich heute mit einem Smartphone in Sekunden erreichen – von Staaten, Gruppen oder Einzelpersonen:

  • Gefühl statt Verstand: Beiträge, die wütend oder ängstlich machen, werden häufiger geteilt. Algorithmen belohnen das.
  • Wiederholung: Ein Meme, ein Slogan, hundertfach geteilt, wirkt irgendwann vertraut – und Vertrautes hält man leichter für wahr.
  • Die Masse als Ziel: Reichweite zählt mehr als Richtigkeit; was viral geht, muss nicht stimmen.
  • Feindbilder: «Die da oben», «die Reichen», «die Konzerne», «die Fremden», «die Medien» – Schuldige, die alles erklären, egal aus welcher Richtung.
  • Vereinfachung und Fälschung: Zitate ohne Zusammenhang, gefälschte Screenshots, mit KI erzeugte Bilder und Videos (Deepfakes), in denen Menschen Dinge sagen, die sie nie gesagt haben.

Das Analyseraster funktioniert auch hier: Wer spricht – und wer steckt wirklich dahinter? An wen richtet sich der Beitrag? Welches Gefühl löst er in dir aus? Wer soll schuld sein? Was wird weggelassen? Was sollst du tun – teilen, hassen, nicht mehr nachfragen? Dazu drei Regeln: Quelle prüfen, bevor du teilst. Das eigene Gefühl bemerken – starke Wut ist oft gewollt. Die Gegenseite suchen – gute Informationen halten Widerspruch aus. Wie du Nachrichten und Falschinformationen prüfst, übst du in «Medien und Meinungsbildung» und «Debattenvorbereitung: Soll der Staat Falschinformationen löschen dürfen?».

Wichtig: Es geht hier um Techniken, nicht um eine bestimmte Partei oder Gruppe von heute. Propaganda erkennt man an der Machart – egal, wer sie benutzt.

Warum machten so viele mit?

Warum so viele Deutsche die NSDAP wählten, hast du in «Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise und der Aufstieg des Nationalsozialismus» untersucht: Krise, Arbeitslosigkeit, Angst, Wut. Aber warum machten so viele nach 1933 mit – auch als die Verfolgung sichtbar war? Die Forschung nennt mehrere Gründe, die meist zusammenwirkten:

  1. Arbeit und Aufschwung. Die Arbeitslosigkeit sank von rund sechs Millionen (Anfang 1933) auf unter eine Million (1938) – durch Autobahnbau, vor allem aber durch Aufrüstung, und teils durch Tricks in der Statistik. Wer nach Jahren der Not wieder Arbeit hatte, fragte oft nicht, woher sie kam.
  2. Ordnung. Keine Strassenkämpfe mehr, keine Regierungskrisen – dass die «Ruhe» auf Terror beruhte, nahmen viele in Kauf.
  3. Aussenpolitische Erfolge – aus damaliger Sicht. Die Rückkehr des Saarlands 1935, die Wiederbewaffnung, der Einmarsch ins Rheinland 1936, der «Anschluss» Österreichs 1938 – jeder Schritt brach den Versailler Vertrag, blieb ohne Gegenwehr der anderen Mächte und stärkte den Führerkult.
  4. Angst. Gestapo, Denunziation, Lager: Widerspruch kostete Beruf, Freiheit, manchmal das Leben.
  5. Vorteil. Parteibuch, Karriere, Posten, günstig gekaufte Geschäfte jüdischer Nachbarn – Mitmachen zahlte sich aus.
  6. Gleichgültigkeit. Solange es die anderen traf, schauten viele weg.
  7. Propaganda. Sie lieferte für alles eine Rechtfertigung – und kein Widerspruch war mehr zu hören.

Dazwischen gab es alle Abstufungen: begeisterte Anhänger, Mitläufer, Zuschauer, Menschen, die im Kleinen den Gruss verweigerten oder Verfolgten halfen, und Widerstand, der das Leben kostete. Dass Protest Wirkung haben konnte, zeigt die Predigt des Bischofs von Galen 1941 gegen die «Euthanasie»-Morde: Das Regime brach die zentrale Aktion kurz darauf ab – offiziell; wie viel die Proteste dazu beitrugen, ist umstritten. Die meisten schwiegen trotzdem.

Merke: «Die» Deutschen gab es nicht – es gab Entscheidungen, jeden Tag. Diese Frage begleitet dich durch die nächsten Module: An welcher Stelle hätte wer etwas tun können?

Zusatz (optional): Video «Wie die Nazis so viele Deutsche überzeugten» (15:37)

Dieses Video von MrWissen2go Geschichte (Terra X, ZDF) ist ein freiwilliges Zusatzangebot – alles, was du für die Aufgaben brauchst, steht in den Texten dieses Moduls. Wenn du es schaust (Internet nötig, startet erst nach deinem Klick), achte auf zwei Leitfragen: (1) Welche der neun Methoden, die im Video erklärt werden, findest du in den Abschnitten über Propaganda und über die Gründe fürs Mitmachen wieder? (2) An welcher Stelle hätte die Beispielfamilie im Video noch anders entscheiden können?

Transkript anzeigen

Zusammenfassung des Videos «Wie die Nazis so viele Deutsche überzeugten» (MrWissen2go Geschichte | Terra X, 15:37): Das Video fragt, wie Millionen Deutsche zu Anhängern, Mitläufern, Mittätern und Profiteuren des NS-Regimes wurden. Um 1930 sind viele Menschen unzufrieden mit der Weimarer Republik – Arbeitslosigkeit, Armut, Politikverdruss. Die Nationalsozialisten nutzen das mit Propaganda, Indoktrination und Manipulation, aber auch mit Einschüchterung und Terror. Anhand einer fiktiven Beispielfamilie zeigt das Video, wie sich gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger Schritt für Schritt in Anhänger des Regimes verwandeln, und erklärt neun Methoden, mit denen die Nationalsozialisten an die Macht kamen und sie bis 1945 hielten.

Selbstcheck: Ideologie und Propaganda

Frage 1 von 8

Prüfe, ob du die Bausteine, die Propagandamittel und das Analyseraster verstanden hast. Du kannst das Quiz beliebig oft wiederholen – es zählt dein bestes Ergebnis.

Was kennzeichnet eine Ideologie im Unterschied zur Wissenschaft?

Vertiefung: Begriffe, Gründe und Gegenwart

Deine Antworten gehen an deine Lehrperson. Aufgabe 1 ist für alle gedacht, die Aufgaben 2 und 3 sind als (Erweitert) gekennzeichnet.

Deine Antworten werden auf diesem Gerät gespeichert und gehen mit deinem nächsten Fortschritts-Report an die Lehrperson.

  1. Erkläre in zwei bis drei Sätzen, warum «Volksgemeinschaft» ein Begriff der Täter ist, der in Anführungszeichen gehört.

    Tipp anzeigen

    Wer bestimmte, wer dazugehört? Und was geschah mit denen, die nicht dazugehörten?

  2. (Erweitert) Ordne die sieben Gründe aus dem Abschnitt «Warum machten so viele mit?» in drei Gruppen: Zustimmung, Angst, Vorteil/Gleichgültigkeit. Begründe anschliessend in zwei bis drei Sätzen, welche Gruppe dir am wichtigsten erscheint.

    Tipp anzeigen

    Es gibt keine einzig richtige Gewichtung – wichtig ist, dass du deine Wahl mit einem Beispiel aus dem Modul begründest. Auch andere Zuordnungen sind möglich, wenn du sie begründest.

  3. (Erweitert) Wähle eines der drei Propagandaprinzipien (Gefühl statt Verstand, Wiederholung, Masse als Ziel) und beschreibe in drei bis fünf Sätzen, wie es heute in sozialen Medien eingesetzt werden kann – ohne eine bestimmte Partei oder Person zu nennen.

    Tipp anzeigen

    Denk an Beiträge, die dich wütend gemacht haben, an Memes, die du ständig siehst, oder an Videos, bei denen du dich gefragt hast, ob sie echt sind.