Lehrplan: Liechtenstein (Liechtensteiner Lehrplan (LiLe)): Räume, Zeiten, Gesellschaften, Stufe 9 · Schweiz (Lehrplan 21): Räume, Zeiten, Gesellschaften, Stufe 9 · Deutschland (Lehrplan Deutschland): Geschichte, Klasse 9
Von der Demokratie zur Diktatur: 1933/34
Am 30. Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler – eineinhalb Jahre später ist Deutschland eine Diktatur. Du verfolgst Schritt für Schritt, wie Reichstagsbrand, Notverordnung, Ermächtigungsgesetz, Gleichschaltung und der «Röhm-Putsch» die Demokratie abbauten, lernst das Führerprinzip kennen und klärst, ob das alles «legal» war.
Das lernst du hier
- Ich kann erklären, wer Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte und warum die Konservativen glaubten, ihn kontrollieren zu können.
- Ich kann beschreiben, wie der Reichstagsbrand und die Reichstagsbrandverordnung die Grundrechte ausser Kraft setzten und was «Schutzhaft» bedeutete.
- Ich kann erklären, was das Ermächtigungsgesetz erlaubte, wer dagegen stimmte und warum man von einer Selbstentmachtung des Parlaments spricht.
- Ich kann Beispiele für die «Gleichschaltung» 1933 nennen und den «Röhm-Putsch» sowie den 2. August 1934 einordnen.
- Ich kann das Führerprinzip erklären und die Ereignisse von 1933/34 in die richtige Reihenfolge bringen.
- (Erweitert) Ich kann begründen, warum die Machtübernahme nur scheinbar legal war, und die Begriffe «Machtergreifung» und «Machtübertragung» einordnen.
Liechtensteiner Lehrplan (LiLe): RZG.6.3 (Die Schülerinnen und Schüler können ausgewählte Phänomene der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts analysieren und deren Relevanz für heute erklären.), RZG.8.2 (Die Schülerinnen und Schüler können die Entwicklung, Bedeutung und Bedrohung der Menschenrechte erklären.)
30. Januar 1933: Ein Tag, der alles änderte – oder doch nicht?
Am Mittag des 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg den Vorsitzenden der NSDAP, Adolf Hitler, zum Reichskanzler. Wie es dazu kam – Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, die Wahlerfolge der NSDAP – hast du in «Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise und der Aufstieg des Nationalsozialismus» verfolgt. Und erinnerst du dich an Mussolini 1922? Auch Hitler wurde vom Staatsoberhaupt ernannt – das Muster kennst du aus «Wer regiert? Staatsformen, Demokratie und Diktatur». Hier beginnt die Geschichte danach.
Hindenburg, 85 Jahre alt und ehemaliger Generalfeldmarschall, hatte sich lange gesträubt. Dass er Hitler schliesslich doch ernannte, lag an konservativen Politikern wie Franz von Papen, der Vizekanzler wurde. Sie rechneten so: Hitler hat die Massen, wir haben die Erfahrung, den Reichspräsidenten und die Mehrheit im Kabinett – von elf Ministern gehörten nur drei der NSDAP an. Man werde Hitler «einrahmen» und für die eigenen Ziele benutzen. Es war eine folgenschwere Fehleinschätzung.
Am Abend marschierten die SA (Sturmabteilung, die Schlägertruppe der Partei), die SS (Schutzstaffel, ursprünglich Hitlers Leibwache) und andere Verbände mit Fackeln durch das Brandenburger Tor. Die bekannten Bilder davon stammen allerdings zum Teil nicht von diesem Abend: Einige Szenen wurden später für einen Propagandafilm nachgestellt. Schon der erste Tag war also auch eine Propaganda-Inszenierung.
(Erweitert) Ein Begriff, drei Sichtweisen: Die Nationalsozialisten selbst sprachen von der «Machtergreifung» – als hätten sie die Macht aus eigener Kraft erkämpft. Viele Historikerinnen und Historiker sagen heute lieber «Machtübertragung» oder «Machtübergabe»: Hitler wurde ganz legal ernannt, und konservative Eliten halfen ihm dabei. Der neutrale Begriff «Machtübernahme» umfasst beides. Merk dir alle drei – und achte darauf, wer welchen benutzt.
Überblick: Von der Ernennung zum Führerstaat (Januar 1933 bis August 1934)
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Eigene Darstellung, EveryCate, CC BY-SA 4.0
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Titel: Von der Ernennung zum Führerstaat: 1933/34. Untertitel: Neun Stationen in eineinhalb Jahren, Abstände nicht massstabsgetreu; blau steht für die formal legale Ernennung, orange für den Abbau der Demokratie. Das Schaubild zeigt einen waagrechten Zeitstrahl mit den Marken 1933 links und 1934 rechts und neun Stationen, abwechselnd über und unter der Linie. Kernaussagen: 1. 30. Januar 1933 (blau): Reichspräsident Hindenburg ernennt Hitler zum Reichskanzler. 2. 27. und 28. Februar 1933 (orange): Der Reichstag brennt, eine Verordnung setzt die Grundrechte ausser Kraft. 3. 5. März 1933: Reichstagswahl unter Terror, die NSDAP erhält 43,9 Prozent. 4. 21. und 23. März 1933: Tag von Potsdam und Ermächtigungsgesetz. 5. 2. Mai 1933: Die Gewerkschaften werden zerschlagen und durch die Deutsche Arbeitsfront ersetzt. 6. 10. Mai 1933: Bücherverbrennungen. 7. 14. Juli 1933: Gesetz, nach dem die NSDAP die einzige zugelassene Partei ist. 8. 30. Juni bis 2. Juli 1934: Die SS ermordet die SA-Führung, die NS-Propaganda nennt es Röhm-Putsch. 9. 2. August 1934: Hindenburg stirbt, Hitler wird Führer und Reichskanzler. 10. Merksatz unter dem Zeitstrahl: In 18 Monaten vom Reichskanzler einer Koalition zum unkontrollierten Alleinherrscher, jeder Schritt baute auf dem vorherigen auf.
Der Brand und die Verordnung: Februar 1933
Am Abend des 27. Februar 1933, knapp eine Woche vor der Reichstagswahl, steht der Reichstag in Flammen. Noch am Brandort wird der 24-jährige Niederländer Marinus van der Lubbe festgenommen, ein ehemaliger Kommunist; er wird als Täter verurteilt und 1934 hingerichtet. Ob er wirklich allein handelte, ist in der Forschung bis heute umstritten. Sicher ist, was die NS-Führung daraus machte: Noch in derselben Nacht beschuldigte sie die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), einen Aufstand vorzubereiten – und nutzte den Brand gezielt.
Schon am Tag darauf, am 28. Februar 1933, unterschreibt Hindenburg die «Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat», die sogenannte Reichstagsbrandverordnung. Sie stützt sich auf Artikel 48 der Weimarer Verfassung – den Notverordnungsartikel, mit dem schon Brüning am Parlament vorbei regiert hatte. Der entscheidende Satz lautet:
«[…] Es sind daher Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäusserung, einschliesslich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts, Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis, Anordnungen von Haussuchungen und von Beschlagnahmen sowie Beschränkungen des Eigentums auch ausserhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig.»
— Reichstagsbrandverordnung, 28. Februar 1933, § 1
Lies den Satz langsam und zähle, wie viele Rechte er aufhebt. In Alltagssprache: Die Grundrechte – persönliche Freiheit, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Briefgeheimnis, Unverletzlichkeit der Wohnung – gelten nicht mehr. Die Folgen kamen sofort:
- Menschen konnten ohne Gerichtsverfahren verhaftet werden. Die Nationalsozialisten nannten das «Schutzhaft» – ein beschönigender NS-Begriff, als würde man die Verhafteten beschützen.
- Tausende Kommunistinnen, Kommunisten und Sozialdemokraten wurden in den ersten Wochen verhaftet, misshandelt, manche ermordet.
- Die SA durfte in Preussen schon seit dem 22. Februar als «Hilfspolizei» auftreten; nach dem Brand wurde sie massenhaft gegen politische Gegner eingesetzt – Schlägertrupps mit staatlicher Erlaubnis.
- Im März 1933 entstanden die ersten Konzentrationslager (KZ), etwa in Dachau bei München: Haftlager ohne Gerichtskontrolle, in denen politische Gegner eingesperrt, misshandelt und teils ermordet wurden. Das waren noch keine Vernichtungslager – die entstanden erst im Krieg; ein späteres Modul dieser Reihe erklärt den Unterschied.
Merke: Die Reichstagsbrandverordnung wurde nie aufgehoben. Sie galt bis 1945 – zwölf Jahre lang ein «Notstand», der die Grundlage des Terrors blieb.
Wahl, Inszenierung, Ermächtigung: März 1933
5. März 1933: eine Wahl, die keine freie Wahl mehr war
Schon am 1. Februar hatte Hindenburg auf Hitlers Wunsch den Reichstag aufgelöst und Neuwahlen für den 5. März angesetzt: Hitlers Regierung aus NSDAP und der deutschnationalen DNVP hatte im alten Reichstag keine Mehrheit, und Hitler wollte sie sich mit der Wahl holen. Mitten in der Verhaftungswelle fand die Reichstagswahl dann statt. Die Gegner der NSDAP durften kaum noch Versammlungen abhalten, viele ihrer Zeitungen waren verboten, SA-Posten standen vor den Wahllokalen. Trotzdem erreichte die NSDAP 43,9 Prozent – viel, aber keine eigene Mehrheit. Erst zusammen mit der DNVP kam sie knapp über die Hälfte der Sitze. Die Wahlreihe, die du aus dem Weimar-Modul kennst (2,6 Prozent 1928, 18,3 Prozent 1930, 37,3 Prozent im Juli 1932), war übrigens nicht ungebrochen nach oben gegangen: Bei der Neuwahl im November 1932 war die NSDAP auf 33,1 Prozent zurückgefallen. Nun, im März 1933 und unter Terror, erreichte sie 43,9 Prozent.
21. März 1933: der «Tag von Potsdam»
Die Eröffnung des neuen Reichstags wurde zu einem Schauspiel: Beim Staatsakt in der Garnisonkirche von Potsdam, am Grab der Preussenkönige, erschien Hitler nicht in Parteiuniform, sondern in dunklem Cut, und verneigte sich vor dem greisen Hindenburg in Uniform. Die Botschaft an Bürgertum, Militär und Adel: Hier verbinden sich das alte Preussen und das «neue Deutschland» – ihr könnt beruhigt sein. Das Rahmenprogramm gestaltete der neue Propagandaminister Joseph Goebbels; die Feier wurde im Rundfunk übertragen.
23. März 1933: das Ermächtigungsgesetz
Zwei Tage später stimmte der Reichstag in der Berliner Kroll-Oper (das Reichstagsgebäude war ausgebrannt) über das «Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich» ab – das Ermächtigungsgesetz. Sein Kern:
«Reichsgesetze können ausser in dem in der Reichsverfassung vorgesehenen Verfahren auch durch die Reichsregierung beschlossen werden. […] Die von der Reichsregierung beschlossenen Reichsgesetze können von der Reichsverfassung abweichen […].»
— Ermächtigungsgesetz, Art. 1 und 2 (vom Reichstag am 23. März beschlossen, am 24. März 1933 verkündet)
Die Regierung durfte also Gesetze ohne das Parlament erlassen – sogar Gesetze, die die Verfassung änderten. Weil das die Verfassung antastete, brauchte es eine Zweidrittelmehrheit. Wie sie zustande kam, zeigt, was «legal» hier bedeutete: Die 81 Abgeordneten der KPD waren verhaftet, geflohen oder ausgeschlossen, auch mehrere Abgeordnete der Sozialdemokratischen Partei (SPD) fehlten. SA- und SS-Männer umstellten die Kroll-Oper und standen in den Gängen. Das Ergebnis: 444 Ja-Stimmen, 94 Nein-Stimmen. Nur die SPD stimmte dagegen. Ihr Vorsitzender Otto Wels sagte in der letzten freien Rede im Reichstag:
«Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.»
— Otto Wels, Reichstagsrede, 23. März 1933
Das katholische Zentrum und die bürgerlichen Parteien stimmten zu – manche aus Angst, manche, weil Hitler ihnen Zusagen gemacht hatte, die er nicht hielt.
Merke: Mit dem Ermächtigungsgesetz entmachtete sich das Parlament selbst – mit eigenen Ja-Stimmen, aber unter Druck und Drohungen. Die Gewaltenteilung war beendet: Wer die Gesetze macht, führt sie auch aus. Das Gesetz galt zunächst vier Jahre und wurde verlängert – bis 1945.
Zwei Rechtsakte, ein Ziel
Ziehe die passenden Begriffe in die Lücken (am Handy: erst Wort antippen, dann Lücke). Achtung: Drei Wörter in der Auswahl passen nirgends.
Tippe zuerst ein Wort an und dann die Lücke, in die es gehört. Antippen einer gefüllten Lücke legt das Wort zurück.
Am 28. Februar 1933 setzte die die Grundrechte der Weimarer Verfassung ausser Kraft. Sie stützte sich auf Artikel der Verfassung, der dem Reichspräsidenten Notverordnungen erlaubte. Verhaftungen ohne Richter nannten die Nationalsozialisten beschönigend «». Am 23. März 1933 beschloss der Reichstag das : Die Regierung durfte nun Gesetze ohne Parlament erlassen, sogar solche, die von der abwichen. Dafür war eine Mehrheit von der anwesenden Abgeordneten nötig. Gegen das Gesetz stimmte nur die Partei ; die Abgeordneten der Partei waren verhaftet oder geflohen.
Gleichschaltung: Ein Land wird auf Linie gebracht
«Gleichschaltung» ist ein NS-Begriff aus der Elektrotechnik: Alle Teile sollen auf denselben Strom geschaltet werden. Gemeint war: Jede Organisation, jede Behörde, jeder Verein sollte der NSDAP unterstellt oder nach ihren Regeln umgebaut werden. Das geschah 1933 in wenigen Monaten:
- Die Länder: Die Landesregierungen wurden abgesetzt; in jedes Land schickte Hitler einen Reichsstatthalter, der nach seinen Weisungen regierte. Aus dem Bundesstaat wurde ein zentral gelenkter Staat.
- Die Gewerkschaften: Am 1. Mai 1933 feierte das Regime den «Tag der nationalen Arbeit» mit den Arbeiterinnen und Arbeitern – am 2. Mai 1933 besetzten SA und SS die Gewerkschaftshäuser, verhafteten die Funktionäre und beschlagnahmten das Vermögen. An die Stelle der Gewerkschaften trat die Deutsche Arbeitsfront (DAF), eine Zwangsorganisation der Partei.
- Die Bücher: Am 10. Mai 1933 verbrannten Studenten in vielen Universitätsstädten öffentlich die Werke von Autorinnen und Autoren, die als «undeutsch» galten – darunter Erich Kästner, Heinrich Mann und Kurt Tucholsky.
- Die Parteien: Die SPD wurde im Juni verboten, die anderen Parteien lösten sich unter Druck selbst auf. Das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14. Juli 1933 machte die NSDAP zur einzigen zugelassenen Partei.
- Presse, Rundfunk, Kultur, Vereine: Zeitungen wurden verboten oder übernommen, der Rundfunk dem Propagandaministerium unterstellt, Vereine vom Schachklub bis zum Gesangverein «gleichgeschaltet» oder verboten.
Innerhalb eines halben Jahres gab es kaum noch eine legale Stelle, an der sich Widerspruch öffentlich hätte organisieren können.
1934: Mord wird Recht – und der Führer wird zum Staat
Der «Röhm-Putsch»
Die SA unter Ernst Röhm war 1934 auf mehrere Millionen Mitglieder angewachsen. Röhm wollte mehr: Die SA sollte zum Volksheer werden und die Reichswehr ablösen. Das brachte ihn in Konflikt mit den Generälen – und mit Hitler, der die Armee für seine Pläne brauchte. Vom 30. Juni bis zum 2. Juli 1934 liess Hitler die SA-Führung durch die SS ermorden; Röhm selbst wurde in seiner Zelle erschossen. Zugleich nutzte das Regime die Gelegenheit, um andere Gegner zu töten, darunter den früheren Reichskanzler Kurt von Schleicher und Erich Klausener, den Leiter der Katholischen Aktion in Berlin. Die Forschung geht von mehreren Dutzend bis rund 200 Toten aus. Die NS-Propaganda nannte die Morde «Röhm-Putsch» – als hätte Röhm einen Umsturz geplant. Belege dafür gab es nicht.
Am 3. Juli 1934 beschloss die Regierung ein Gesetz aus einem einzigen Satz:
«Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Massnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens.»
— Gesetz über Massnahmen der Staatsnotwehr, 3. Juli 1934
Das Gesetz erklärte die Morde nachträglich für rechtens. Der Staat selbst hatte getötet – und machte das Töten zum Recht. Für die Generäle, das Bürgertum und viele Beamte war das kein Grund zum Protest, sondern zur Erleichterung: Die aus ihrer Sicht lästige SA war entmachtet.
2. August 1934: Führer und Reichskanzler
Am 2. August 1934 starb Reichspräsident Hindenburg. Schon am Tag davor hatte die Regierung – mit den Vollmachten des Ermächtigungsgesetzes – ein Gesetz erlassen, das die Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers vereinigte. Hitler nannte sich von nun an «Führer und Reichskanzler». Noch am selben Tag wurden die Soldaten der Reichswehr (so hiess das Heer der Republik; ab 1935 sprach man von der «Wehrmacht») neu vereidigt – nicht mehr auf die Verfassung, sondern auf Hitler persönlich. Eine Volksabstimmung, in der freie Meinungsäusserung längst unmöglich war, bestätigte das später mit rund 90 Prozent.
Das Führerprinzip
Der NS-Staat funktionierte nach dem Führerprinzip: Befehl von oben nach unten, Gehorsam von unten nach oben. Auf jeder Ebene gab es einen «Führer», der von oben eingesetzt wurde und nach unten befahl – vom Reichsstatthalter bis zum Ortsgruppenleiter (dem Parteichef eines Ortes), vom Fabrikdirektor («Betriebsführer») bis zum Hitlerjugend-Führer. Es gab keine freien Wahlen mehr, keine Kontrolle, keinen legalen Widerspruch. Der Wille des Führers stand über jedem Gesetz. Das Schaubild zeigt dir, wie dieser Staat aufgebaut war.
Der Führerstaat im Überblick
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Eigene Darstellung, EveryCate, CC BY-SA 4.0
Textbeschreibung anzeigen
Titel: Der Führerstaat: Befehl von oben, Gehorsam von unten. Das Schaubild ist ein vereinfachtes Organigramm des NS-Staates. Ganz oben steht ein breiter Kasten mit Adolf Hitler als Führer und Reichskanzler ab 2. August 1934. Von ihm führen drei Pfeile nach unten zu drei Säulen. Kernaussagen: 1. Säule Staat: Reichsregierung und Ministerien, darunter die Reichsstatthalter in den Ländern, darunter die Gemeinden. 2. Säule Partei (NSDAP): die Reichsleitung, darunter Gauleiter, Kreisleiter und Ortsgruppenleiter. 3. Säule Gewalt und Zwang: zwei Kästen nebeneinander, beide direkt Hitler unterstellt: SS und Polizei mit der Gestapo sowie die Reichswehr, ab 1935 Wehrmacht genannt, die ihren Eid auf Hitler persönlich leistete. 4. Von allen drei Säulen führen Pfeile zu einem breiten Kasten Volksgemeinschaft: Das NS-Propagandawort bedeutete, dass das Regime bestimmte, wer dazugehörte; Verfolgte waren ausgeschlossen. Alle anderen sollten durch Massenorganisationen erfasst werden, genannt sind Hitlerjugend (HJ), Bund Deutscher Mädel (BDM), Deutsche Arbeitsfront (DAF), Kraft durch Freude (KdF) und NS-Frauenschaft. 5. Merksatz ganz unten: Befehl von oben nach unten, Gehorsam von unten nach oben; keine freien Wahlen, keine Kontrolle, kein Widerspruch.
War das alles legal? (Erweitert)
Die Nationalsozialisten legten grossen Wert darauf, dass alles «legal» aussah: Hitler wurde ernannt, nicht geputscht; die Reichstagsbrandverordnung stützte sich auf einen Verfassungsartikel; das Ermächtigungsgesetz hatte die nötige Zweidrittelmehrheit; die Morde vom Juni 1934 wurden per Gesetz gedeckt. Historikerinnen und Historiker nennen das «scheinlegal»:
| Formal (der Schein) | Tatsächlich (die Wirklichkeit) |
|---|---|
| Ernennung durch den Reichspräsidenten nach der Verfassung | Druck konservativer Eliten, die Hitler benutzen wollten |
| Notverordnung nach Artikel 48 | Ein «Notstand», der zwölf Jahre dauerte und die Verfassung dauerhaft aushebelte |
| Zweidrittelmehrheit für das Ermächtigungsgesetz | Verhaftete und geflohene Abgeordnete, SA und SS im Saal, Drohungen |
| Gesetz über die «Staatsnotwehr» | Mord, nachträglich zum Recht erklärt |
Scheinlegal heisst also: Die Form der Gesetze wurde eingehalten, aber ihr Inhalt und die Art, wie sie zustande kamen, brachen mit allem, was einen Rechtsstaat ausmacht – einen Staat, der sich selbst an Gesetze und Grundrechte hält. An ihre Stelle traten Terror, Rechtsbruch und das Ausnutzen von Lücken der Verfassung.
Deshalb lohnt sich der Blick auf die Begriffe aus dem Einstieg über den 30. Januar 1933: Wer «Machtergreifung» sagt, übernimmt die Selbstdarstellung der Nationalsozialisten, die ihre Macht «erkämpft» haben wollten. Wer «Machtübertragung» sagt, betont die Verantwortung derer, die Hitler die Macht gaben. Beides steckt in der Geschichte des Jahres 1933.
Zusatz (optional): Video «Errichtung der NS-Diktatur» (11:25)
Dieses Video von MrWissen2go Geschichte (Terra X, ZDF) ist ein freiwilliges Zusatzangebot – alles, was du für die Aufgaben brauchst, steht in den Texten dieses Moduls. Wenn du es schaust (Internet nötig, startet erst nach deinem Klick), achte auf zwei Leitfragen: (1) Welche Stellen hätten die Errichtung der Diktatur noch verhindern können – Reichspräsident, Länder, Parlament, Armee? (2) Mit welchen Mitteln schaltete Hitler sie innerhalb von eineinhalb Jahren aus?
Transkript anzeigen
Zusammenfassung des Videos «Errichtung der NS-Diktatur» (MrWissen2go Geschichte | Terra X, 11:25): Die Errichtung der Diktatur beginnt am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Seine Regierung aus NSDAP und DNVP hat zu Beginn keine eigene Mehrheit, und Reichspräsident, Landesregierungen, Armee und Gerichte könnten die Diktatur noch verhindern. Hindenburg löst den Reichstag auf und setzt Neuwahlen an; bis dahin regieren Regierung und Reichspräsident mit Notverordnungen. Nach dem Reichstagsbrand werden Presse- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt und die Opposition verfolgt; mit dem Ermächtigungsgesetz und der Gleichschaltung baut Hitler innerhalb von eineinhalb Jahren seine Macht aus. Das vorläufige Ziel erreicht er am 2. August 1934: Nach dem Tod Hindenburgs übernimmt er zusätzlich das Amt des Reichspräsidenten und nennt sich «Führer und Reichskanzler».
Ereignisse 1933/34 ordnen
Bring die neun Ereignisse in die richtige zeitliche Reihenfolge: Ziehe jede Karte auf eine Position von 1 (zuerst) bis 9 (zuletzt) – oder tippe erst die Karte, dann die Position an. Gewertet wird nur die Reihenfolge.
Tippe zuerst eine Karte an und dann die Stelle auf der Achse – gesetzte Punkte kannst du mit dem Finger nachziehen. Das ✕ in der Liste nimmt einen Eintrag zurück.
Die Achsen-Darstellung wird geladen …
Darstellung: JSXGraph (MIT-Lizenz)
Selbstcheck: Von der Demokratie zur Diktatur
Frage 1 von 9Prüfe, ob du die Schritte von 1933/34 verstanden hast. Du kannst das Quiz beliebig oft wiederholen – es zählt dein bestes Ergebnis.
Wer ernannte Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler?
Vertiefung: Legal, scheinlegal, illegal?
Deine Antworten gehen an deine Lehrperson. Aufgabe 1 ist für alle gedacht, die Aufgaben 2 und 3 sind als (Erweitert) gekennzeichnet.
Erkläre in eigenen Worten – so merkst du am besten, was du schon verstanden hast.
Deine Antworten werden auf diesem Gerät gespeichert und gehen mit deinem nächsten Fortschritts-Report an die Lehrperson.
Erkläre in zwei bis drei Sätzen, warum man beim Ermächtigungsgesetz von einer «Selbstentmachtung des Parlaments» spricht.
Tipp anzeigen
Wer durfte vorher Gesetze beschliessen – und wer danach? Und wer hat dieser Änderung zugestimmt, unter welchen Bedingungen?
(Erweitert) Historikerinnen und Historiker nennen die Machtübernahme «scheinlegal». Begründe diesen Begriff in drei bis fünf Sätzen mit zwei konkreten Beispielen aus dem Modul: Was war formal legal – und was stimmte in Wirklichkeit nicht?
Tipp anzeigen
Nimm zum Beispiel die Zweidrittelmehrheit vom 23. März 1933 und das Gesetz über die «Staatsnotwehr» vom Juli 1934.
(Erweitert) «Machtergreifung» oder «Machtübertragung»? Erkläre in drei bis fünf Sätzen, welche Sichtweise in jedem der beiden Begriffe steckt, und begründe, welchen du für den 30. Januar 1933 verwenden würdest.
Tipp anzeigen
Frag dich bei jedem Begriff: Wer handelt in diesem Wort – und wer wird dadurch aus der Verantwortung entlassen?