EveryCate-Logo: grünes Buch mit Play-ButtonEveryCateFreie Bildung für alle
RZGZyklus 3 (Sek I)7.–9. Klasse (Sek I)ca. 45 Min.mittelLehrplan 21

Naturgefahren in den Alpen

Lawinen, Hochwasser, Murgänge und Bergstürze: Du lernst an echten Schweizer Fallbeispielen wie dem Lawinenwinter 1999, Bondo 2017 und Brienz 2023, wie alpine Naturgefahren entstehen, wie sich die Schweiz davor schützt und warum der Klimawandel die Gefahren verschärft.

Das lernst du hier

  • Ich kann erklären, wie Lawinen, Hochwasser, Murgänge und Bergstürze entstehen.
  • Ich kann an Schweizer Fallbeispielen (Lawinenwinter 1999, Bondo 2017, Brienz 2023) beschreiben, wie sich Naturereignisse auf Menschen und Umwelt auswirken.
  • Ich kann Schutzmassnahmen wie Verbauungen, Schutzwald, Warnsysteme und Gefahrenkarten unterscheiden und ihren Nutzen einschätzen.
  • Ich kann begründen, warum der Klimawandel Naturgefahren in den Alpen verstärkt.

Lehrplan 21: RZG.1.3.b (Die Schülerinnen und Schüler können sich über aktuelle Naturereignisse informieren und deren Ursachen erklären.), RZG.1.3.c (Die Schülerinnen und Schüler können die Auswirkungen von Naturereignissen auf Lebenssituationen von Menschen und auf die Umwelt benennen und einschätzen.), RZG.1.2.c (Die Schülerinnen und Schüler können sich über den Klimawandel informieren, Ursachen erläutern und Auswirkungen des Klimawandels auf verschiedene Regionen der Welt, insbesondere die Schweiz, einschätzen.)

Wenn der Berg sich bewegt

Stell dir vor, die Behörden klopfen an eure Tür: «Ihr müsst euer Dorf verlassen – der Berg über euch könnte abstürzen.» Genau das passierte im Mai 2023 den rund 90 Bewohnerinnen und Bewohnern von Brienz/Brinzauls in Graubünden. Rund fünf Wochen später, in der Nacht auf den 16. Juni 2023, donnerten tatsächlich rund 1,2 Millionen Kubikmeter Fels und Schutt zu Tal – und kamen erst wenige Meter vor dem Dorf zum Stillstand.

Wer in den Alpen lebt, lebt mit Naturgefahren. Die wichtigsten sind:

  • Lawinen – Schneemassen, die sich vom Hang lösen
  • Hochwasser und Murgänge – Wasser, Schlamm und Geröll, die Täler überfluten
  • Felsstürze und Bergstürze – Gestein, das aus Wänden bricht

In diesem Modul findest du heraus, wie diese Gefahren entstehen, wie sich die Schweiz mit Verbauungen, Schutzwald, Warnsystemen und Gefahrenkarten schützt – und warum der Klimawandel das Ganze verschärft.

Video: Wie schützt man sich vor Lawinen?

Schau dir das Erklärvideo von SRF Kids (ca. 4 Minuten) an. Achte besonders darauf: Welche **drei Schutzmassnahmen** gegen Lawinen werden gezeigt? Und wo am Hang setzen sie jeweils an?

Transkript anzeigen

Das Erklärvideo aus der SRF-Reihe «Clip und klar!» zeigt, warum Lawinen in den Schweizer Alpen eine grosse Gefahr sind und wie sich die Menschen davor schützen. Vorgestellt werden drei zentrale Schutzmassnahmen: Lawinenverbauungen am Hang, die den Schnee festhalten, der Schutzwald, der als natürliche Barriere wirkt, sowie die Raumplanung mit Gefahrenzonen, in denen nicht gebaut werden darf. Das Video nutzt Beispiele aus der Schweiz und ist auf den Lehrplan 21 abgestimmt.

Lawinen: die weisse Gefahr

Die meisten gefährlichen Lawinen sind Schneebrettlawinen: Eine ganze Schneeschicht löst sich auf einmal und rast zu Tal. Sie entstehen vor allem an Hängen, die steiler als etwa 30 Grad sind – besonders nach starken Schneefällen oder bei Wind, der den Schnee verfrachtet.

Fallbeispiel Lawinenwinter 1999: Im Februar 1999 fielen in den Hochlagen der Schweizer Alpen innert weniger Wochen mehrere Meter Schnee. Rund 1200 Schadenlawinen gingen nieder und forderten in Gebäuden und auf Verkehrswegen 17 Todesopfer. Am schlimmsten traf es Evolène im Wallis: Dort starben am 21. Februar 1999 zwölf Menschen. Insgesamt entstanden Schäden von rund 600 Millionen Franken.

So schützt sich die Schweiz heute:

  • Warnsysteme: Das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos veröffentlicht im Winter ein- bis zweimal täglich das Lawinenbulletin (um 17 Uhr, bei Bedarf aktualisiert um 8 Uhr). Es nutzt die europäische Gefahrenskala mit fünf Stufen – von Stufe 1 (gering) bis Stufe 5 (sehr gross).
  • Verbauungen: Stützwerke aus Stahl im Anrissgebiet halten den Schnee am Hang fest, bevor sich überhaupt eine Lawine lösen kann.
  • Schutzwald: Bäume stabilisieren die Schneedecke. Rund 42 Prozent der Schweizer Waldfläche wirken als Schutzwald gegen Naturgefahren – die günstigste «Verbauung» überhaupt.
  • Raumplanung: In stark gefährdeten Zonen darf gar nicht erst gebaut werden.
  • Sofortmassnahmen: Bei akuter Gefahr werden Strassen und Skigebiete gesperrt oder Lawinen kontrolliert gesprengt.

Schutz beginnt am Hang

Reihen von Stahl-Lawinenverbauungen an einem steilen Grashang oberhalb von Zermatt, im Vordergrund weiden Walliser Schwarznasenschafe.
Lawinenverbauungen oberhalb von Zermatt (VS): Stützwerke im Anrissgebiet verhindern, dass sich grosse Lawinen überhaupt lösen können.Foto: Tiia Monto, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Wenn Wasser und Geröll zu Tal donnern

Hochwasser entsteht, wenn Starkregen, lange Regenperioden oder Schneeschmelze mehr Wasser liefern, als Flüsse und Böden aufnehmen können. Begradigte Flüsse und verbaute Auen verschärfen das Problem, weil das Wasser nirgends ausweichen kann. Das Hochwasser vom August 2005 war das bisher teuerste einzelne Naturereignis der Schweiz: Sechs Menschen starben, die Schäden betrugen rund 3 Milliarden Franken. Deshalb setzt der Hochwasserschutz heute nicht nur auf Dämme, sondern auch auf Renaturierungen, die den Flüssen wieder mehr Raum geben.

In steilen Bergbächen entsteht eine besonders gefährliche Variante: der Murgang – ein schnell fliessendes Gemisch aus Wasser, Schlamm und Geröll, das wie flüssiger Beton durch das Bachbett zu Tal schiesst.

Fallbeispiel Bondo (GR), 23. August 2017: Am Piz Cengalo (3369 m ü. M.) brachen rund 3 Millionen Kubikmeter Fels ab. Der Bergsturz stürzte auf einen Gletscher, riss Eis und Wasser mit und löste gewaltige Murgänge aus, die durch das Val Bondasca bis ins Dorf Bondo flossen. Acht Wanderer, die im Tal unterwegs waren, kamen ums Leben. Im Dorf selbst gab es keine Todesopfer: Ein automatisches Alarmsystem warnte rechtzeitig, die Bevölkerung wurde evakuiert, und ein Auffangbecken hielt einen Teil des Materials zurück. Trotzdem wurden Häuser zerstört und Strassen verschüttet – Bondo zeigt, dass Warnsysteme Leben retten, Schäden aber nicht immer verhindern können.

Haarscharf am Dorf vorbei

Luftaufnahme des Dorfes Brienz/Brinzauls in Graubünden: Eine breite graue Schutt- und Felszunge des Bergsturzes von 2023 reicht den Hang hinunter und endet unmittelbar vor den ersten Häusern des Dorfes.
Brienz/Brinzauls (GR): Die Schuttmasse des Bergsturzes vom Juni 2023 kam nur wenige Meter vor dem zuvor evakuierten Dorf zum Stillstand.Foto: Clemenspool, Wikimedia Commons, CC0

Video: Leben mit dem Bergsturz – das Beispiel Brienz

Diese Folge der SRF Kids News (ca. 11 Minuten) behandelt als Hauptthema den Bergsturz von Brienz. Achte darauf: Wie wird der Hang **überwacht**? Und was bedeuten Evakuierungen für den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner?

Transkript anzeigen

Die Kids-News-Folge behandelt als Hauptthema den Bergsturz von Brienz (GR): Nach dem grossen Bergsturz von 2023 ist erneut ein Felsstück abgebrochen. Das Video erklärt, wie es überhaupt zu einem Bergsturz kommt, und zeigt, was die andauernde Gefahr, die ständige Überwachung des Hangs und die Evakuierungen für die Bewohnerinnen und Bewohner des Bündner Dorfes bedeuten. Ein zweiter, kürzerer Beitrag am Ende der Folge behandelt ein anderes Alltagsthema (Geschenkeeinkauf).

Klimawandel: der Verstärker – und was die Schweiz dagegen tut

Brienz steht auf einem Hang, der schon seit Jahrhunderten langsam talwärts rutscht. Nach der Rückkehr im Sommer 2023 musste das Dorf im November 2024 erneut evakuiert werden – seine Zukunft ist ungewiss. Mit einem Entwässerungsstollen tief im Berg versucht man, den Hang zu entwässern und so zu bremsen.

Der Klimawandel verschärft viele alpine Naturgefahren:

  • Permafrost taut auf: Permafrost ist dauerhaft gefrorener Untergrund. Er kommt in der Schweiz vor allem oberhalb von rund 2500 m ü. M. vor und bedeckt etwa 5 Prozent der Landesfläche. Das Eis in Felsspalten wirkt wie Kitt, der den Fels zusammenhält. Taut es, werden Felswände instabil – beim Bergsturz von Bondo spielte auftauender Permafrost eine Rolle.
  • Mehr Starkniederschläge: Wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Heftige Regenfälle – und damit Hochwasser und Murgänge – werden wahrscheinlicher.
  • Gletscher schmelzen: Sie geben lockeres Geröll frei und destabilisieren Hänge, die vorher vom Eis gestützt wurden.

Verhindern kann die Schweiz solche Ereignisse nicht – aber sie kann die Risiken senken. Ein zentrales Werkzeug sind Gefahrenkarten: Fachleute kartieren für jede Gemeinde, wo Lawinen, Hochwasser oder Rutschungen drohen.

ZoneGefährdungBedeutung
RoterheblichNeue Wohnhäuser dürfen nicht gebaut werden
BlaumittelBauen nur mit Auflagen, z. B. verstärkten Mauern
GelbgeringHinweis auf mögliche Gefährdung

Dazu kommen Überwachung (Sensoren, Radar), Warnsysteme, Verbauungen und der Schutzwald. Und manchmal bleibt als letzte Massnahme nur: rechtzeitig evakuieren – wie in Bondo und Brienz.

Aufgaben

Bearbeite die Aufgaben in dein Heft oder in ein Dokument. Nutze die Tipps, wenn du nicht weiterkommst, und vergleiche erst am Schluss mit der Musterlösung.

  1. Suche im Internet die Gefahrenkarte deiner Gemeinde (z. B. über das Geoportal deines Kantons oder map.geo.admin.ch). Welche Naturgefahren sind bei dir kartiert? Gibt es rote, blaue oder gelbe Zonen in der Nähe deines Schulwegs oder Wohnorts?

    Tipp anzeigen

    Suche nach «Gefahrenkarte» plus dem Namen deines Kantons. Im Mittelland findest du vor allem Hochwasserzonen, in Berggebieten auch Lawinen- und Rutschungszonen.

    Musterlösung anzeigen

    Individuelle Lösung. Beispiel: «In meiner Gemeinde ist entlang des Baches eine blaue Zone (mittlere Hochwassergefährdung) eingezeichnet. Dort darf nur mit Auflagen gebaut werden. Rote Zonen gibt es bei uns keine. Lawinenzonen fehlen, weil wir im Flachland wohnen.»

  2. Erstelle eine Vergleichstabelle zu den drei Naturgefahren Lawine, Murgang und Bergsturz mit den Spalten: Was passiert?, Typischer Auslöser, Schweizer Fallbeispiel, Eine passende Schutzmassnahme.

    Tipp anzeigen

    Die Fallbeispiele findest du in den Textblöcken: Lawinenwinter 1999 (Evolène), Bondo 2017, Brienz 2023.

    Musterlösung anzeigen

    Beispiel: Lawine – Schneemasse löst sich am Steilhang; Auslöser: viel Neuschnee, Wind; Fallbeispiel: Lawinenwinter 1999/Evolène; Schutz: Stützverbauungen im Anrissgebiet. Murgang – Gemisch aus Wasser, Schlamm und Geröll schiesst durchs Bachbett; Auslöser: Starkregen, Bergsturz auf Gletscher; Fallbeispiel: Bondo 2017; Schutz: Alarmsystem und Auffangbecken. Bergsturz – grosse Felsmassen brechen aus der Wand; Auslöser: instabiler Hang, auftauender Permafrost; Fallbeispiel: Brienz 2023; Schutz: Überwachung und Evakuierung.

  3. Diskutiere: Brienz wurde mehrfach evakuiert, und teure Massnahmen wie der Entwässerungsstollen sollen das Dorf retten. Soll man ein so gefährdetes Dorf mit viel Geld schützen – oder wäre es besser, es aufzugeben und die Menschen umzusiedeln? Notiere je zwei Argumente für beide Seiten und dann deine eigene begründete Meinung.

    Tipp anzeigen

    Denke an: Kosten für die Allgemeinheit, Sicherheit von Menschenleben, Heimat und Emotionen der Bevölkerung, Zukunftsaussichten bei fortschreitendem Klimawandel.

    Musterlösung anzeigen

    Mögliche Argumente – Schützen: Das Dorf ist die Heimat der Menschen, Gebäude und Kulturland haben grossen Wert; Schutzmassnahmen können funktionieren (wie das Alarmsystem in Bondo Leben rettete). Aufgeben: Die Massnahmen kosten Millionen ohne Erfolgsgarantie; der Hang bleibt langfristig in Bewegung, und Menschenleben dürfen nicht dauerhaft riskiert werden. Wichtig ist eine begründete eigene Position – es gibt kein eindeutiges Richtig oder Falsch.

  4. Lernen durch Lehren: Erstelle selbst eine Quizfrage zu einem der drei Fallbeispiele (Lawinenwinter 1999, Bondo 2017 oder Brienz 2023) – mit drei Antwortmöglichkeiten, von denen genau eine stimmt. Stelle die Frage einer Kollegin oder einem Kollegen und erkläre danach, warum die richtige Antwort stimmt.

    Tipp anzeigen

    Gute Distraktoren (falsche Antworten) sind fast richtig: z. B. eine ähnliche Jahreszahl oder eine Massnahme, die zu einer anderen Naturgefahr gehört.

    Musterlösung anzeigen

    Beispiel: «Warum gab es beim Bergsturz von Bondo 2017 im Dorf selbst keine Todesopfer? A) Der Bergsturz war zu klein, um das Dorf zu erreichen. B) Ein Alarmsystem warnte die Bevölkerung rechtzeitig, und das Dorf wurde evakuiert. C) Der Schutzwald stoppte die Murgänge vollständig.» Richtig ist B – das automatische Alarmsystem löste aus, die Menschen brachten sich in Sicherheit.

Teste dein Wissen zu Naturgefahren in den Alpen

Frage 1 von 6

Was ist ein Murgang?